Unser Fußball

In Zeiten, in denen über die sozialen Medien alle Formen von Aufregung im Nu eine zuweilen beunruhigende Eskalation erfahren können, ist das erfolglose Abschneiden einer deutschen Fußballnationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft ein besonders dankbares Thema. Denn seit jeher gibt es Millionen Bundestrainer, die es entweder eh schon alles gewusst haben oder es zumindest jederzeit hätten besser machen können. Während diesbezügliche Diskurse indes früher unmittelbar an den Stammtischen dieser Republik geführt wurden, und man sich dort für übergriffig-unangemessene Aussagen zumindest theoretisch noch zu rechtfertigen hatte, so bietet das Internet heute die Gelegenheit, alles und noch mehr einfach mal so sagen zu dürfen: Hauptsache drauf! Unheilvoll raunt es nun wieder von einer Vergangenheit, als die ‚deutschen Tugenden‘ noch Ausweis der fußballerischen Kompetenz der Nationalmannschaft waren. Als überhaupt die Mannschaft noch ‚deutsch‘ war… Es klingt genauso dumpf und kleinkariert wie auf AfD-Parteitagen. Verteidigen wir also den Fußball vor schlecht gelaunten teutonisch-reaktionären Übergriffen! Aber welchen Fußball? Repräsentiert DIE MANNSCHAFT, die von smarten Anzugträgern vermarktet wird, den Fußball, den wir lieben? Vertritt FIFA-Boss Infantino noch unsere Interessen, wenn er den Fußball in erster Linie als Geldvermehrungsinstrument missbraucht? Überhaupt das Geld! Millionen. Millionen. In der hochgerüsteten FIFA-Zentrale in Zürich treffen in tiefen schweren Ledersesseln versunkene Weltenlenker Entscheidungen über unser Schicksal – wenn es ihnen gelingt aus der schweren Tiefe ihres Sitzes über einen gewaltigen Tisch zu blicken in die Mitte ihres Besprechungssaales, dann schauen sie dort auf ein niedliches unter Glas gelegtes Rasengeviert mit Toren, dem Mittelkreis, dem Sechzehner. Das Schaustück ließ zu seinen Regierungszeiten Sepp Blatter anlegen, wohl um seine Gefolgsleute daran zu erinnern, um was es eigentlich hier geht: Unser Fußball? Angesichts solcher Peinlichkeiten, die geeignet sind, die Lust am Fußball nachhaltig zu vermiesen, ist es zuweilen gut, ein wenig auf Distanz zu gehen und dann über einen literarischen Umweg eine neue Annäherung zu wagen. Hierzu leistet der vom Kölner Roland Reischl Verlag schön gestaltete Band von Klaus Hansen beste Dienste: soccer – stories. lyrics. essays. Klaus Hansen ist einer, der den Fußball noch aus jenen Tagen kennt, als er nur samstagabends im Fernsehen in schwarzweißen Bildern zu sehen war. Oder man stand, wie er in einer der stories erzählt, in „alten heruntergekommen Fußballstadien“ auf „Stehplätzen, die unter den Füßen wegbröseln und wo du bis auf die Haut nass wirst, wenn es wie aus Kübeln vom Himmel schüttet und kein Dach dich schützt.“ Heute sind dergleichen Stadien rare Ausnahmen und erhalten im Fall des Falles von den DFB-Instanzen keine Zulassung für höhere Fußballereignisse, aber einstmals prägten sie Haltungen. In dem essay „Kleine Geschichte vom ewig Fünfzehnjährigen“ erinnert Hansen sich mit gewisser Melancholie daran, wie die Anhänglichkeit an „seinen Verein“, den ersten Vizemeister der neuen Bundesliga, entstand und bis heute ungebrochen ist, obwohl der „MSV“ doch längst keinen mehr wie den Torwart Manni, genannt „Cassius“, Manglitz oder Bernard „Ennatz“ Dietz hervorbringen konnte… Solche Fußballerlebnisse prägen und sie berechtigen ebenso zum kritischen wie zum ironischen Kommentar. In den soccer stories versteckt Klaus Hansen dergleichen Kommentare in skurile und kuriose Geschichten, wie „Der Theaterbesuch“, die davon erzählt, wie der Trainer Otto Rehagel einen solchen seinen Spielern verordnete oder was es heißt „Von Netzer lernen“: dieses „Genie der Lauffaulheit“ antwortete erstaunt über die Frage, wie viele Eigentore er in seiner Karriere geschossen habe: „So weit bin ich nie zurückgelaufen.“ Eben. Wie schon einige der stories sind auch viele der soccer lyrics typografisch interessant gestaltet. Es ist eine reizvolle Herausforderung, in der Gestalt der lyrics den zusätzlichen Sinn zu entziffern, wenn etwa im Jubel-„yeah!“ nach einen „Tor!“ langsam ein „toryeah!ger“ sichtbar wird. Nicht jedes dieser bildsprachigen Werke ist von gleich sinnhafter Bedeutung. Der „Zweifelturm“ beispielsweise setzt mehr auf einen gewissen Effekt, als er Bedeutung herstellt. Anderseits verblüfft ein Gedicht wie „1784“ damit, wie „fußball bildet!“ Dreizehn jeweils zwei bis fünfseitige soccer-essays runden den Band ab. Der Eingangsessay „Unser 4. Juli“ relativiert die identitätsstiftenden Bedeutung des an diesem Tag 1954 im Endspiel gegen die Ungarn gewonnen Weltmeistertitels. Weitaus bedeutender – und damit vielleicht angemessener für die einstmalige Bundesrepublik – „als der überraschende Sieg im Wankdorf Stadion“, der zu einem „Datum nationaler Begeisterung“ wurde, waren die anschließenden Niederlagen der Herberger-Mannschaft. Denn sie begleiteten auf bescheiden-zurückhaltende Weise die diplomatischen Annäherungsversuche der Republik an Frankreich, gegen die man im Oktober 1954 1:3 verloren hatte, und die Sowjetunion. Bevor Adenauer im September 1955 dorthin aufbrach, um über die Entlassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen zu verhandeln, „kam es gelegen, dass Wochen vorher, am 21. August `55, der Fußballweltmeister im Moskauer Dynamo-Stadion vor 80.000 Zuschauern zum Ländervergleich mit der Sowjetunion auflief – und 2:3 verlor.“ Solch überraschend ungewohnte Sichtweisen auf den Fußball machen die kleine Stücke auf anregende Weise lesenswert. Sie geben Stoff zur Verteidigung des Fußballs gegen Vereinnahmungen aller Art – auch indem sie an seine edlen Werte erinnern – so wie der berühmte Alfredo di Stefano von Real Madrid, der erzählte, dass man bei einem Elfmetertor nicht jubelte: „Man habe sich geschämt, das Ausnutzen eines solchen Vorteils auch noch zu feiern.“ Klaus Hansen fügt nachdenklich hinzu: „Wenn heute der Schiedsrichter einen Elfmeter pfeift, jubeln die Begünstigten bereits im Voraus“.

Hansen, Klaus: soccer – stories. lyrics. Essays. Roland Reichl Verlag, Köln 2018. 148 Seiten, 15,00 EUR. ISBN 9783943580259

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