Archiv der Kategorie: Literatur

„Ein Traum von Paris“

Als zu Beginn der 1960er Jahre der WDR anfragte, ob er sich vorstellen könne, „Das Pariser Journal“, eine bis dahin noch kaum profilierte Fernsehreihe, zu übernehmen, sagte Georg Stefan Troller nach kurzer Überlegung zu. Was man denn erwarte? Na, Paris so zeigen, „wie es wirklich ist“. Er bekam den Job. Ins Tagebuch notierte er nachdenklich aber selbstbewusst: Paris, wie es ist, läßt mich kalt. Das einzige, was ich darstellen will, ist mein Traum-Paris, so verführerisch wie erschreckend, dem ich in Haßliebe zugetan bin. Aber ob das gefragt ist?“ Nach Paris war der 1921 in Wien geborene Troller über Umwege gekommen. Als 1938 Österreich ‚heim ins Reich‘ drängte und bereitwillig sich den Nazis auslieferte, verließ der junge Troller das Land. Über die Tschechoslowakei gelangte er nach Frankreich. 1941 erhielt er das rettende Visum nach Amerika. Als US-Soldat kam er zurück nach Europa in das von den Nazis befreite Österreich. Befreit? Das Exil, die traurig-vergebliche Sehnsucht nach dem Verlorenen, verarbeitete er gemeinsam mit dem Regisseur Axel Corti in der TV-Trilogie Wohin und zurück“ ( An uns glaubt Gott nicht mehr, 1981; Santa Fe, 1986; Welcome in Vienna, 1986) – bis heute ein Höhepunkt hiesiger Fernsehkunst. Troller ging zurück nach Amerika, bevor er dann als Radioreporter 1949 endlich in Paris ankam. Im Gepäck hatte er eine Leica-Kamera, die er, so erzählt er es, einem deutschen Soldaten abgenommen hatte – so war es nun einmal das Gesetz des Krieges“. Mit dieser Kamera machte er sich auf die Suche nach seinem Traum-Paris… Die Fotos, die während dieser Erkundungen entstanden, hielt Troller selbst für längst verschollen. Seine Tochter fand sie zufällig. Erstmals im Rahmen einer Ausstellung gezeigt wurden sie nun im „Forum für Fotografie“ in Köln im Mai 2018. Eine wehe Melancholie weht vorüber, wenn man die Fotos anschaut. Jedenfalls meint sie zu spüren, werwie auch immer begründetmeint, eine Ahnung sich davon bewahrt zu haben, was das ‚alte Paris‘ einmal ausmachte. Gemeint ist das ‚alte Paris‘, das einstmals noch ein Paris der ‚kleinen Leute‘ war. Menschen, die heute längst in der Périphérique leben (müssen). Enge, ziemlich mitgenommene Wohngegenden, düstere Straßen, manchmal sieht es aus wie in den Nachkriegstrümmerlandschaften deutscher Städte – vor allem, wenn man Kinder vor diesen Beinaheruinen spielen sieht. Sanierungsgebiet, Abrißhäuser, Hinterhöfe in Ménilmontant und Belleville, dem 1860 eingemeindeten und heute sich über das 19. und 20. Arrondissement erstreckenden Vorort im Nordosten. Manchmal erinnern einige der Straßenszenen – vielleicht gerade, wenn man die Fotos in Köln sieht – an die Fotos, die Chargesheimer „Unter Krahnenbäumen“ von den kleinen Leuten in dieser heute ebenfalls verlorenen Straße in Köln fast zeitgleich zu Trollers Erkundungen machte. Es ist eine bestimmte katholische Heimat – statt Krahnenbäumen ginge auch Neapel, oder Rom – in der die Menschen trotz aller Bescheidenheit ihres Lebens eine unmittelbare Vitalität ausstrahlen. Ihre Freude an den Kleinigkeiten des Lebens. Ihr natürliche Distanz zu allem Schwerernstem. Fast scheint es, als sei ihnen allen ein Stück natürliche Ironie zu eigen. Aber Vorsicht vor zu viel Idyll. Es ist eine Bühnenkulisse“: Und, wie von meinem Unbewußten materialisiert, tauchen zur richtigen Sekunde der Bettler, das ballspielende Kind oder die haubengeschmückte Nonne auf, die diese Bühnenkulisse erst zum fertigen Bild machen“ beschreibt dies Troller einmal. Aber sei‘s auch so… das fertige Bild, in dem Realität und Traumbild sich überlagern, bewahrt bestätigend eben auch den Traum. Längst verflogen, denn inzwischen sind diese Häuser, Straßen und Viertel ‚saniert‘. Die Kulisse verschwunden. Und mit ihnen die Menschen, die Clochards an der Seine, der Zementarbeiter vom Butte aux Cailles im 13. Arrondissement, womöglich ein Nachkomme der Fédérés de la Butte aux Cailles“, die hier am 24. und 25. Mai 1871 während der Pariser Commune unter dem Kommando des polnischen Exilanten Walery Wróblewskis gegen die Regierungstruppen aus Versailles aushielten. Umsonst, denn nur wenige Tage später, am 28. Mai endete das Abenteuer der Commune, als an der „Mur des Fédérés“ auf dem Friedhof Père Lachaise, wo heute eine Gedenkstätte an die Toten der Commune erinnert, die vermeintlich letzten 147 Kommunarden erschossen wurden. Oder die „Camelots“, die Straßenverkäufer in der Rue Mouffetard, die Jahrmarktsbudenbesitzer am Place Clichy, die „Ureinwohnerinnen“ aus Belleville, der Taubenzüchter und der Säufer aus Ménilmontant oder das Bettlerpaar vor der Kirche Notre-Dame-de-la-Croix. Die Fotos zeigen sie schön. Weil sie ihrer Würde noch nicht verlustig gegangen sind…

Troller, Georg Stefan: Ein Traum von Paris. Frühe Texte und Fotografien, Wiesbaden (Corso Verlag) 2017, ISBN 9783737407434 .

Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr

Dieses Buch wird dem Autor viel abverlangt haben. Eine Art Selbsterkundung, die mit ‚quälerisch‘ nicht präzis genug beschrieben wäre, denn es würde den Fokus zu sehr auf das Moment der Selbsterfahrung, das die Verständigungstexte der nachfolgenden 1980er Jahre prägte, einengen. Rückblickend lässt sich dieser Text zwar durchaus als ein Vorläufertext dieses Genres interpretieren und also ‚einordnen‘. Aber vom Text selber ausgehend, ihn befreiend von allzu groben Kategorien der Einordnung, täte man ihm Unrecht, würde man ihn nur in dieser Perspektive verstehen. Denn die Art von Erkundung, die Rolf Dieter Brinkmann vornimmt, ist weitaus komplexer. Sie stellt uns einen Menschen in einer existentialistisch anmutenden Verunsicherung vor. Dabei geht er mutig vor, denn der Erzähler ist in jeder Phase eindeutig erkennbar: der junge Brinkmann im Köln der ausgehenden 1960er Jahre, in Bedrückung dieser bürgerlich verdrucksten Stadtgesellschaft, der er auch bei den Nutten in der nahgelegenen Kleinen und Großen Brinkgasse nicht entkommen konnte, war doch dieses ‚Viertel‘ selbst Ausdruck dieser bigotten Gesellschaft. Später wird der Ich-Erzähler noch einen weiteren Fluchtversuch unternehmen. Mit dem Zug in Städte wie Essen und Hannover und es ist erstaunlich, wie intensiv sich beim Lesen diese feucht-dunkle Ödnis der noch im Wirtschaftswunderwahn sich befindenden Städte nachempfinden lässt. Welche ‚Schande‘, wenn dann der taumelnde Held ausgerechnet hier von einer Nutte in jenen Straßen der Verlorenheit abgewiesen wird und schließlich in trostloser Verzweiflung im schäbig-normalen Hotel selbst Hand anlegen wird. Und er erinnert sich wieder an seine Frau in Köln. Denn um sie dreht sich diese Erkundung seiner selbst. Sie, „das Kind“, die Wohnung in Köln, die ‚Familie‘, das ‚normale Leben‘. Peinlich genau beobachtet und beschreibt der Zweifelnde dieses gemeinsame Leben, das er verdächtigt, ihm das eigene Leben zu nehmen, aber das zugleich ihm doch immer wieder Halt und Sehnsucht bedeutet. Für‘s Begehren, ihre Liebe. Ja, da liegt sie ja begehrenswert, ihre anspornende Nacktheit holt ihn zurück ins ‚Zuhause‘. Und wie er sie beschreibt ist ebenso mutig wie anrührend. Gleich aber schleicht sich die Verunsicherung wieder ein: ist das echt? Hier, in dieser Wohnung? Mit dem Kind? Wieder ist sie da, die zur Wut sich ballende Verunsicherung. Brinkmann beschreibt sie ausschweifend und manchmal meint man, einschreiten zu müssen: Hör doch endlich mal auf! Was willst du denn eigentlich? Aber dann folgt man wieder der unklar verzweifelten Getriebenheit seiner selbst. Auch weil Brinkmann über die literarischen Mittel für sein Anliegen verfügt. Dazu gehört auch, dass er nie ungerecht wird gegenüber den Personen in seiner Umwelt. Er stellt sie nicht bloß, sondern vermag sie im Rahmen seiner Selbsterkundung so einzubinden, dass ihre Würde und Integrität gewahrt bleiben, während sie doch zugleich immer wieder doch auch der ‚Grund‘ für die Verunsicherung zu sein scheinen. Eine ziemliche Zumutung muss das gewesen sein für Maleen, seine Frau und den gemeinsamen Sohn Robert, der 1964 geboren wurde. Aber sie blieben dem Projekt Brinkmann solidarisch verbunden… Diesen kleinen Sozialraum, repräsentiert durch die präzis beschriebene Wohnung in Köln, besetzt Brinkmann mit zwei weiteren Figuren aus dem Freundeskreis: Gerald, eine Art kleiner Köln-Casanova, und der homosexuelle Rainer, ein weltgewandt sich gebender Pendler zwischen London und Köln. Brinkmann führt sie ein, als könnten sie Zugang zu Zufluchtsmodellen verschaffen und es ist manchmal anrührend, zu lesen, wie die ‚Freundschaft‘ zwischen den dreien Orientierung bieten soll. Dabei ist doch längst entschieden, dass weder die frauensammelnde Variante Geralds, noch die Exklusivität des homosexuellen Rainers Auswege weisen. Eher zwingen sie zur neuen Konfrontation mit dem eigenen Leben – mit ihr und dem Kind. Mit den Figuren führt Brinkmann, was aus heutiger Sicht noch‘mal interessant ist, einen Teil ‚der Szene‘ Kölns in jener Zeit mit ein. Das vermittelt Zeitgeschichte, zum Beispiel wenn man in der Wohnung Platten von „The Fugs“ auflegt. Das war eine progressiv-politische US-Band um Ed Sanders und Tuli Kupferberg. Internet macht‘s möglich und man kann sich die Songs, die auf dem Plattenspieler in Brinkmanns Wohnung abgespielt wurden, anhören… und vermag vielleicht sich ein wenig einzufühlen in die Lebens- und Erfahrungswelten des Autors, der einen bis heute ungewöhnlichen und mutigen Roman verfasste. Ein Roman, der Brinkmanns bemerkenswerte Rolle während einer leider viel zu kurzen Zeit als Autor belegt.

Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr. Roman. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch, Neuausgabe Mai 2005). ISBN 978 3 499 23934 2.

Baudelaire und Benjamin

Baudelaires „Fleurs du Mal“ fordern jede/n Übersetzer/in. Die ganz hohe Kunst. Walter Benjamin beschäftigte sich mit dem Gedichtzyklus, weil ihn nicht nur die poetische Qualität dieser Gedichte faszinierte, sondern sie ihm darüber hinaus als Material für seine kultur- und geschichtsphilosophischen Studien dienten, in denen das Paris des 19. Jahrhunderts eine herausragende Bedeutung hatte. So war der Band Tableaux Parisiens, als er 1923 erschien, für Benjamin von besonderer Bedeutung. Jetzt liegt er als Faksimilenachdruck vor, was mir einige Bemerkungen wert ist.

Baudelaire, Charles: Tableaux Parisiens. Übersetzt aus dem Französischen und mit einem Vorwort versehen von Walter Benjamin, Frankfurt a. M. (Stroemfeld Verlag) 2016.

Stefan Zweig: Die unsichtbare Sammlung

Ein schönes Buchgeschenk. Die Novelle Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig veröffentlicht der Golden Luft Verlag in Mainz als fadengeheftete englische Broschur. Ein würdiges Format für „eine Episode aus der deutschen Inflation“. Deutsche Inflation? Ja, die vergessenen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Die Wunden des Krieges allgegenwärtig. Die allgemeine Verunsicherung, die immer wieder mit Gewalt zum Ausdruck kommt, Krüppel auf den Straßen, der Hunger, die Armut, das Verdrängen – und die Profiteure, die kleinen und die großen. Ihr großer Auftritt kommt während der großen Inflation. In schockierend rasender Schnelligkeit verliert damals alles Geld seinen Wert. Die Preise steigen binnen Stundenfrist auf surreal anmutende Höhen. Was am Morgen noch mit dem Lohn in der Tüte zu kaufen war, wurde am Abend zum Luxusgut. Abstruse Beträge ergaben sich: ein Brot für Millionen Mark –- der kollektive Schock saß tief. Eine Verelendung nie gekannter Art. Und eine neue Erfahrung: Nichts ist sicher. Die Existenz fällt ins Bodenlose. Aber andere, die profitieren…

Und das alles konzentriert Zweig in dieser ungewöhnlichen Episode. Sie beginnt in einem Zugabteil. Ein Reisender stellt sich als bekannter Berliner Kunstantiquar vor. Nach allerlei Plauderei von gleichgültigen Dingen, beginnt er unvermittelt, diese sonderbare Geschichte zu erzählen. In ihrem Mittelpunkt steht ein Sammler alter Grafiken, den der Antiquar auf der Suche nach interessanten Funden, die sein in diesen Nachkriegsjahren danieder liegendes Geschäft beleben könnten, in der alten Kundenkartei findet. Bis 1914 hatte dieser Sammler über Jahrzehnte immer wieder ganz erlesene Stücke erworben. Zu erwarten war also, dass bei ihm eine qualitätsvolle Sammlung zu besichtigen war, aus der vielleicht einige Stücke zu entbehren wären. Er reist also „in eine der unmöglichen Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“ in der Hoffnung, den Sammler noch lebend anzutreffen und tatsächlich findet er ihn und sucht ihn auf. Der Greis ist blind, freut sich aber außerordentlich, einen Kenner aus Berlin hier in der Provinz begrüßen zu können und ihm seine Sammlung zu zeigen. Doch bevor es dazu kommt, instruieren den Besucher die beiden Frauen, Ehefrau und Tochter des Alten. Man bitte um Rücksichtsnahme und Verständnis. Aber die Sammlung gebe es längst nicht mehr. Mit Beginn des Krieges sei der Vater erblindet und habe die Blätter seiner Sammlung nicht mehr sehen, aber umso besser erspüren und ertasten können. So habe sie ihm weiterhin Freude bereitet. Bis dann der Krieg zu Ende war. Nach dem Krieg, von dessen Ausgang man dem Vater bislang nichts erzählt habe, reichte es für die drei zum Leben vorne und hinten nicht mehr. Zudem sei der Mann der Schwester im Krieg gefallen, die seitdem mit den vier kleinen Kindern versorgt werden müsse. Der Vater sah und merkte von diesen Dingen nichts, verließ sich auf seine solide Pension, die freilich in diesen Zeiten für nichts ausreichte. Man sparte. Umsonst. Bald begann man zu verkaufen. Erst Schmuck und Möbel, dann – die Sammlung. Blatt um Blatt ging für scheinbar gutes Geld weg, aber kaum war das Geld verfügbar, war es bereits nichts mehr wert. Dubiose Geschäftemacher nutzten die Notlage der Frauen aus bis am Ende nahezu die gesamte Sammlung verloren war. Ausverkauf. Nur die Mappen blieben und in die legten die Frauen leere Blätter. Wenn nun aber der Vater sich seiner Sammlung zuwende, wisse er die genaue Reihenfolge aller Mappen, haben ihren Inhalt genau vor seinem geistigen Auge und erfreue sich der Schönheit der Blätter, als lägen sie im Original vor ihm. Und so erlebt es dann der Besucher: der Alte ergreift die Mappen, öffnet sie, entnimmt „mit zärtlicher Vorsicht“ die Blätter, um sie dem Besucher zu zeigen. Fährt mit den Fingern über die leeren Seiten und schildert ebenso begeistert wie kennerhaft die Präzision des Strichs, beschreibt in diesem Abzug die Schärfe des Drucks, so dass sich jedes Detail klar zeigt – weitaus klarer als in anderen ihm bekannte Abzügen. „Es war grauenvoll und gleichzeitig rührend“ erzählt der Besucher, der inzwischen das Spiel mitspielt. „In all den Jahren des Krieges hatte ich nicht einen so vollkommenen, so reinen Ausdruck von Seligkeit auf einem deutschen Gesichte gesehen.“ Die Präsentation der Sammlung geht zu Ende. Müde, aber stolz und glücklich, schließt der Greis die Mappen und verabschiedet den Berliner Besucher. Ob der „reinen Begeisterung“ des Alten in „dumpfer, freudloser Zeit“ und angesichts dieser „auf die Kunst gewandten Ekstase“ wird ihm „ehrfürchtig zumut, obgleich ich mich noch immer schämte, ohne eigentlich zu wissen, warum“. Der Erzähler beendet seine Geschichte mit einem Zitat: „– ich glaube, Goethe hat es gesagt –: ‚Sammler sind glückliche Menschen‘“. Und so schließt auch Zweigs Text.

Vom Glück des Sammlers wusste Zweig. Er sammelte seit Kindheitszeiten schon Autografen. Als 1925 Die unsichtbare Sammlung erstmals erschien, galt seine Autografensammlung unter Zeitgenossen lange schon als rühmenswert. Jahre zuvor hatte Thomas Mann sich einmal erbeten, mit einem Textstück in die Sammlung aufgenommen werden zu dürfen. Seine „Liebhaberei“ verstand Zweig durchaus als einen Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Erbes seiner Zeit. Und er rechtfertigte sie auch gegenüber kritischen Zeitgenossen, die im stillen Betrachten der Autografen ein privatistisch-bourgeoises Vergnügen von Sonderlingen sahen. Von Wert nur für die, die es nötig hätten, sich durch solch elitäre „Weihestunden“ eine gewisse Größe zuzusprechen, wie boshaft einmal Elias Canetti mit Bezug auf Zweig spottete.

Die unsichtbare Sammlung ist im besten Sinne altmeisterlich. Und just darin liegt ihr überzeitlicher Wert. Der Schriftsteller Stefan Zweig erinnert vor dem zeitgeschichtlichen Geschehen jener Jahre in Deutschland an die Universalität der Kunst als ewiges Lebenselixier. Eben dieser kulturelle Mehrwert bewahrt sich in jeder Sammlung. Und er bewährt sich, wenn eine selbstvergessene Zeit in maßloser Profitgier Kunst zur Ware herab würdigt. Die unsichtbare Sammlung bleibt bestehen als Seelenstütze. Von niemandem zu stehlen oder gar zu zerstören. Auch in dieser Idealisierung der Kunst kommt ein altmeisterliches Ansinnen zum Ausdruck. Auch ein typisch deutsches, das aber nicht wie bei der Heroisierung der Meistersinger als dröhnend chauvinistisch-nationalistische Anmaßung zum Ausdruck kommt, sondern in der altmeisterlischen Form zur wehen melancholischen Mahnung vor neuen Barbaren wird. Und wie recht diese Mahnung war, erfuhr Zweig selbst nur wenige Jahre später. Die neuen Barbaren in Naziuniform verbrannten Bücher. Wie eine bittere Ironie mutet an, dass Zweig seit 1933 den ‚Wert‘ seiner Autografensammlung zumindest teilweise durch Verkäufe nutzbar machen konnte, bevor er sie als Exilant endgültig verlor. Eine tragische Erfahrung, die für ihn das Ende seiner „Welt von gestern“ bedeutete. In der Welt von heute war für ihn kein Leben mehr. „Die Politik ekelt mich überall,“ hatte er bereits 1932 dem verehrten Freund Romain Rolland, mit dem er übrigens oft im stillen Betrachten der Autografen beisammen war, geschrieben, „ich bin der Dummheit überdrüssig… überall sehe ich, daß der Bürokrat, die Bürokratie, die Methode über den Geist triumphiert. Der Individualismus erscheint überall als Feind, wir gehen zum Superlativ des ,Herdentriebs‘ über.“ Und der zertrampelte die idealen Werte der gestrigen Welt. Der Geist, die Kunst, das Wort vermögen nichts mehr in dieser Zeit, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“ So schrieb der des Lebens müde Stefan Zweig in einer letzten Declarado, bevor er mit seiner Frau Lotte Zweig am 23. Februar 1942 eine „giftige Substanz“ einnahm, die zum Tode führte. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Zweig, Stefan: Die unsichtbare Sammlung. Eine Episode aus der deutschen Inflation. Mit einem Nachwort von Thomas Schröder, Mainz (Golden Luft Verlag) 2017.

Rot

Rot ist die Farbe der Revolution! Rot ist die Farbe der SPD. Rot ist die Farbe der Arbeiterbewegung. Rot ist der Kommunismus? Rot war jedenfalls die Flagge der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“. Gerd Koenen hat sich in „Die Farbe Rot“ mit den „Ursprüngen und der Geschichte des Kommunismus“ beschäftigt – nicht eben bescheiden, Respekt deshalb vor 1000 Seiten, die viel Informatives bieten. Sehr viel Geschichte. Bisschen weniger davon, dafür etwas mehr Zuspitzung hätte mir gefallen… Warum? Das kann man hier nachlesen.

Koenen, Gerd: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017.

Boris Sawinkow: Das schwarze Pferd

Boris Sawinkow ist eine schillernde Gestalt im Umfeld der russischen Umwälzungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Extremist aus heutiger Sicht: ein Terrorist, ein Attentäter, ein Revolutionär, ein Soldat der Weißen, ein Partisan, ein Mörder… 1924 wurde er durch einen Trick der Tschecka aus dem Exil in die SU gelockt (man bot ihm Kontakte mit einer Widerstandsgruppe an), verhaftet und zum Tode verurteilt. Er wird begnadigt. 1925 stürzt er aus dem Fenster seiner Zelle im Lubjanka-Gefängnis zu Tode. 1923 war der Roman „Das schwarze Pferd“ erschienen. Er handelt von drei Phasen des politisch-militärischen Kampfes Sawinkows gegen die Roten während des Bürgerkriegs. In tagebuchartigen, sehr knappen Eintragungen, die im November eines der Bürgerkriegsjahre beginnen und über den Sommer bis zum letzten Eintrag am 15. März des folgenden Jahres andauern, folgen wir zunächst dem Oberst der Weißen Armee auf dem Marsch nach Moskau, sodann dem Untergrundkämpfer der „Grünen“, den „Banditen“, und schließlich dem untergetauchten Attentäter in Moskau. Immer an seiner Seite Jegorow, ein bäuerlich-roher Typ, Symbol eines ursprünglich ‚heiligen‘ Russlands, für die alle zu kämpfen vorgeben. Er wie auch der andere an seiner Seite Fedja mit dem sprechenden Nachnamen Moschenkin (Moschenik: Gauner, Schlitzohr) stehen auch für einen anderen Aspekt des russischen Seins: eine erschreckend unmittelbare Grausamkeit und Brutalität. Sie hängen die Menschen, erschießen sie, ‚braten‘ sie – immer im Interesse ihres Kampfes gegen die „Höllenbiester“, wie Jegorow die Roten nannten. Der Dritte ist Wrede, ein ehemaliger Offizier des Zars, Repräsentant der Oberschicht. Alle drei werden in Moskau entdeckt. Wrede und Fedja werden hingerichtet, Jegorow sprengt sich in die Luft. Die Aufzeichnungen schildern alles das in denkbar knapper, sachlicher Art. Der Aufzeichnende, George, scheint abseits zu stehen. Die Hinrichtungen befiehlt er, der Kommandant, wie beiläufig mit einen Wort, einem Kopfnicken, Jegorow und Fedja erledigen die Sache. Er weiß, dass er Teil eines großen Schreckens ist. Immer näher rückt die Frage: für was? Sie treffen auf Rote, die mit den gleichen Mitteln agieren. Alles für Russland? Welches Russland? Welche Menschen? Er beneidet Jegorow für sein eindeutiges Feindbild. Fedja, der – wäre es anders gekommen – auch für die Roten… Die Zweifel kulminieren im Gespräch mit Olga der einstmals Geliebten in Moskau. Sie verkörpert ein idealisiertes Sehnsuchtsbild, ein russisch-weibliches Ideal, für das er zu kämpfen meint. Als er sie in Moskau wiederfindet, ist sie Kommunistin. Ihr Äußeres ist sachlich statt sinnlich. Was bedeutet die Revolution? Um welche Sache geht es? Und die Liebe? Unmöglich. Am Ende ist George alleine auf der Flucht aus Moskau. Sawinkow gelingt mit äußerst knappen notizenartigen Sätzen eine über die Chronik des Geschehens hinausweisende Einsicht in die inneren Kämpfe seines alter Egos George. Er erscheint als der der gerechten Sache verpflichtete Kämpfer. Einer Sache, die dem „russischen Volk“ verpflichtet ist. Und die anderen? Die Roten? Kämpfen für was? Worin besteht der Unterschied? In den Miniaturen zitiert Sawinkow immer wieder religiöse Bibelstellen, verweist auf das Heilige des Russischen, das sich als eine zunehmend vage Idealisierung herausstellt. Ein dostojewskischer Traum von Russland, den er selber freilich als brutaler Akteur des Bürgerkriegs mit jeder neuen grausamen Tat zerstört. Er wird durch diesen Zweifel nicht ‚bekehrt‘, wechselt nicht die Seiten, doch spürt er die Vergeblichkeit seines am Ende nur noch selbstbezüglichen Tuns. In einer Hinsicht ist dies mit dem der Roten in diesem Bürgerkrieg vergleichbar: der grausamen Brutalität gegen die Bevölkerung. In den Textminiaturen werden sie immer wieder erkennbar. Der Band liefert noch eine „schriftliche Aussage“ Sawinkows zu seiner Anklage sowie sein Schlusswort zum Prozess. Hier begründet er für sich auf eine sehr logisch-konsequente Weise das Ende seines Kampfes gegen die Roten. Dieser Kampf begann einstmals als revolutionäre Tat gegen das Zarregime und seine Repräsentanten im Einklang mit dem unterdrückten Volk. Diese Unterstützung ging dann aber nach der wirklichen Revolution 1917 zunehmend verloren. Und damit die Legitimation für seine Existenz als Offizier der Weißen, als Kämpfer Grünen, als Terrorist. Eine sachliche und nüchterne Kapitulation.

Boris Sawinkow (W. Ropschin): Das schwarze Pferd. Roman aus dem Russischen Bürgerkrieg. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit ergänzendem Material versehen von Alexander Nitzberg. Verlag Galiani, Berlin 2017. ISBN 9783869711454.