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Richard III

Das ist mal ein Theaterabend! Jan Bosse inszeniert „Richard III“ im Frankfurter Schauspielhaus. Der komplette Raum ist Spielfläche. Ein bisschen Globe-Theatre im Schauspielhaus. Von allen Seiten schaut das Publikum auf den mittig aufgebauten Sandhaufen, in und auf dem die Morde und Intrigen ablaufen. Immer wieder agieren Statisten mit, die unerwartet im Zuschauerraum sich bemerkbar machen, und die Schauspieler durcheilen den Zuschauerraum zum Spiel hier und dort. Von Beginn an ist Wolfram Koch das Ereignis. Er betritt „Jetzt“ ausrufend von der Seite das Spiel im viel zu zu großen Anzug. Unförmig, kastenförmig, den Buckel verbergend, eine Ungestalt, aber ehrgeizig. Ein spektakulärer Einstieg, als er kopfüber in den Sandhaufen springt und dort einen Moment verharrt. Big-Trump in action. Denn dies ist ein durchlaufendes Motiv: wir sehen, wie Macht und Amt zum Objekt kleinkarierter Deals werden. Da braucht‘s keine angestrengten Aktualisierungen, die Assoziationen kommen frei Haus, durch‘s pure Theater immer wieder angeregt. Als der Dealmaker schließlich König ist, tritt er in einem fantastischen Glitzeranzug an, die Bilder könnten einem Infotainment-Sender entnommen sein: die Siegergesten, die Huldigungen. Grelle Lichtreflexe produziert der Glitzeranzug und gibt der Szenerie dadurch einen Mehrwert. Ohne Worte, Bilder, Theater pur. Ästhetik und Sprache des Theaters werden ohne Umwege zum Erlebnis, aus dem sich Erkenntnis speist. Die Entschlossenheit, mit der Koch den zielstrebigen Richard spielt, ist beunruhigend. Aber Richard ist in dieser Inszenierung nur einer unter vielen. Seine Morde bereiten den Weg, der ihn zum König werden lässt, weil er sie in zielstrebiger Konsequenz umsetzt. Gerade darin sind die anderen ihm unterlegen. Hätten sie diese Eigenschaft, wären sie genauso wie er. Aus dieser Perspektive ist nicht Richard III das ‚Problem‘, sondern ein ganzes System, das ihm konsequenterweise zuarbeitet. Und so kann dieser Richard ebenso umtriebig wie anbiedernd seine Deals machen – er mordet, wie es ihm passt. Gelungen die Szene, wie der würdige Bürgermeister sich noch angeekelt windet, als ihm Buckingham den neuen König ankündigt. Will man wirklich mit diesem? Aber ja doch. Es geht ja nicht anders. Natürlich, die falsche Intrige des Mordbuben, dem soeben Lord Hastings zum Opfer fiel, goutiert man nicht, aber… und schon ist es zu spät. Alle passen sich ins System. Auch die großartig nicht nur mit ihrer Stimme präsente Mechthild Großmann als Herzogin von York, Mutter des Mannes, der den Bruder mordete, die Enkelkinder nicht verschonte zugunsten seiner Sache. Trauer oder Stolz? Erst auf dem Schlachtfeld dann geht alles unter. Der einfache aber eindrucksvolle Soundtreck schwillt an, Unmengen von Nebel steigen auf, im Chaos erhebt sich Richard III und spricht seinen Monolog. Der verzweifelte Ruf nach dem Pferd, „Ein Königreich für ein Pferd“, geht unter, als er in einem gläsernen Kasten, wie sein Vorgänger im Sand versinkt. Mit ihm das ganze Land. Tolles Theater!

Richard III, R.: Jan Bosse, Schauspielhaus, Schauspiel Frankfurt

Tiefer Schweb

Auf diese Inszenierung im Repertoire ist man hier spürbar stolz und wird sie auch entsprechend beklatschen. Ein echter Marthaler: „Tiefer Schweb“. Der Ausdruck bezeichnet die tiefste Stelle im Bodensee und dort, so lese ich vor Beginn des Ganzen im Programmheft haben Taucher in einer Zukunft eine Unterwasserbürowelt aus unseren heutigen Zeiten gefunden. Mit originalen Einrichtungsgegenständen, von denen das Programmheft gewissermaßen im Vorgriff auf einen Katalog einige bereits vorstellt. – ? – Die Aufführung beginnt dann – offensichtlich als Ausdruck gewisser Weltläufigkeit soll man verstehen, dass über der Bühne englische, nicht immer sauber übersetzte Untertitel laufen – mit einer Erzählstimme, die zu einer Schifffahrt auf dem Bodensee einlädt. Nur leider, über den tiefen Schweb könne man nicht fahren… Der Vorhang geht auf und wir befinden uns in der Druckluftkammer am Seegrund. Graue holzgetäfelte Wände, ein Kachelofen in der Ecke, zugleich Aus- und Einstiegskammer. An einem Tisch die Mitglieder einer Kommission, die über den Zustand an der Bodenseeoberfläche beraten sollen. Dort fordert die Situation von Geflüchteten, die in einer Art Schiffsstadt auf dem Wasser leben, Entscheidungen. Doch die findet die Kommission nicht, weil sie nicht miteinander kommunizieren können. Statt dessen singen sie Heimatlieder, zwängen sich in folkloristische Kostüme, müssen immer wieder Druckausgleich herstellen… Im guten Falle erinnert mich die Szenerie an Achternbusch-Skurilitäten. Nur hatten diese einen Erfahrungshintergrund, der auf dadaistische Lebensverzweiflung schließen ließ, die als bayrisch-exotische Variante geradezu existentialistische Bedeutung gewinnen konnte. Hier ist alles nur läppisch – und wenn die durchaus guten SchauspielerInnen unendlich viele Strophen eines Heimatliedes kunstvoll intonieren, kommt es nah heran an eine Zumutung. Vor allem, wenn dieses alles auf Politisches verweisen soll. Es ist das Gegenteil: es verweigert alles Politische. Schlimmer noch: mir alberner Läppischkeit wird das Politische verkannt. Und was ist nun mit den dramaturgischen Fäden, die das Programmheft andeutet und mit der Schifffahrt zu Beginn? Nichts. Ist doch egal. Schwachsinn.

Tiefer Schweb, R.: Christoph Marthaler, Kammer I, Kammerspiele München