Archiv der Kategorie: Nationalsozialismus

Der Hauptmann

Angst: Steck sie in Uniformen. Nenn sie Hilfspolizisten. Und du wirst erleben, wie sie zum rasenden Mob werden. Sich anmaßen mit ihren Kleinhirnen, „Recht und Ordnung“ zu vollstrecken. Du wirst erleben, wie der Zufall entscheidet über Leben und Unversehrtheit oder Tod und Prügel, wenn gehässige Gier sich paart mit kaltherziger Brutalität im schäbigen Machtrausch. Wenn ein Brüllen durch die Straßen rollt, hinter sich zurücklassend die Stille des Todes. Geh zur Seite. Fall nicht auf. Rette dich. Der polnische Dichter und Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz beschrieb einmal diesen Zustand der absoluten Rechtslosigkeit, den die Polen während der deutschen Besatzung erlebten: „daß auf der Straße, die er so gut kennt, auf der Katzen schlafen und Kinder spielen, plötzlich ein Reiter mit einem Lasso auftauchen könnte, der die Passanten einfängt und abschleppt, um sie sofort zu töten oder an Haken aufzuhängen.“ (Der Westen vom Osten aus gesehen, 1959)

Dieser Reiter trägt Uniform. Und er steht bereit, jederzeit eine neue Uniform zu tragen. So wie er in der Vergangenheit immer wieder eine trug. In der Uniform der Reichswehr führte er nach dem Ersten Weltkrieg als Freicorpssoldat einen hasserfüllten Krieg gegen „die Roten“, mordete Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht; in der Uniform des Hilfspolizisten prügelte er zu Beginn der 1930er Jahre im Auftrag der Nazischergen, ließ seinen missgünstig-kleinkarierten, von Minderwertigkeitsgefühlen genährten Hass aus an denen, denen er im normalen Leben unterwürfig begegnete; in der Fantasieuniform einer Bürgerwehre terrorisierte er in Polen oder der Tschechoslowakei die Menschen zum ‚Schutz‘ der deutschen Minderheit, schon bevor die deutsche Wehrmacht das Land unterjochte und sein Unrecht legitimierte. Immer mordete er in der Uniform der Wehrmacht. So wie dieser falsche Hautpmann: in den letzten Kriegstagen wurde der Gefreite Willi Herold von seiner Einheit irgendwo im Nordwesten Deutschlands getrennt. Streunend findet er im Straßengraben einen verlassenen Wehrmachtswagen und darinnen die gepflegte Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Er zieht sie an. Unsicher, ein Spiel zunächst. Dann aber gefällt ihm die Uniform. Sie passt ihm. Andere versprengte Soldaten schließen sich ihm an. Unterstellen sich dem forschen Kommando dieses jungen Hauptmanns. Der gibt sich schneidig und befehlsgewaltig: Sonderauftrag des Führers. Ordnung schaffen hinter der Front. Wehrkraftzersetzung bekämpfen. Kampfmoral stärken. Durchgreifen. So kommt er mit seiner Bande in das Gefangenenlager II, das Emslandlager Aschendorfermoor bei Papenburg. Hier sitzen von Wehrmachtsgerichten verurteilte Soldaten und schuften im nahen Moor. Mit stillschweigender Zustimmung der Lagerleitung und der örtlichen Parteiautoritäten schafft der Hauptmann mit „Sondervollmacht des Führers“ im Lager ‚Ordnung‘: eigenhändig tötet er Gefangene, lässt sie von seinen Männern hinmetzeln. Fast 150 Menschen werden gemordet. Erst die Bomben eines Luftangriffs der Engländer beenden das wüste Mordspiel. Die Bande zieht weiter, tötet weiter bis sie sich im Chaos der letzten Kriegstage schließlich auflöst. Herold taucht unter, wird aber von den Engländern gefasst. Sie verurteilen ihn zum Tode. Ein Scharfrichter, schon den Nazis zu Diensten, vollstreckt das Urteil. Herold war 21 Jahre alt.

Der Film „Der Hauptmann“ von Robert Schwentke folgt der Geschichte des falschen Hauptmanns. In kalten schwarz-weiß Bildern erzählt der Film eine Tätergeschichte: wie jemand zum Täter wird, weil er es kann. Die Uniform verleiht ihm zusätzliche Autorität zum Töten und in einer Situation ohne zivilgesellschaftliche Strukturen kann nichts und niemand seiner mörderischen Willkür Grenzen setzen. So entsteht um den herumziehenden Hauptmann eine eigenständige, nur sich selbst erklärende Welt für die grausame Herrschsucht des Hauptmanns und seiner Männer. Weh dem, der hineingerät in diese Welt. Der Film entwickelt eine beunruhigende Wucht, indem er nüchtern feststellt: Es ist jederzeit möglich, dass der Reiter mit dem Lasso auftaucht… Am Ende des Films patrouilliert der uniformierte Haufen des Hauptmanns, der sich „Schnellgericht Herold“ nennt, durch eine heutige Stadt. Die Menschen schauen neugierig hin. Was sind das für crazy Typen? Sie halten an und fordern Passanten auf, die Papiere zu zeigen. Ein Spiel denkt mancher, was soll‘s. Ich muss zur Volksbank. Aber da sind sie immer noch. Und ist der Ton dieser Uniformträger nicht ein wenig rauh? Komm lass gut sein, es reicht jetzt. Und schon setzt es einen Faustschlag in den Rücken: „Ist was?“ Sie stellen dich in eine Reihe mit anderen. Immer noch ein Spiel? Sie sind aufgedreht, fuchteln mit Waffen herum. Echte Waffen. Brüllen. Abspann.

Der Hauptmann, (Deutschland/ Frankreich/ Polen 2017), R.: Robert Schwentke.

Lernprozesse

Im Februar 1943 kapitulierte die 6. Arme der deutschen Wehrmacht in Stalingrad. Einer der Überlebenden, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, war der Wehrmachtsoffizier Heinrich Gerlach. Er gehörte zu denen, die die militärische Niederlage in Stalingrad als zwangsläufige Folge der verbrecherischen Kriegspolitik der Nationalsozialisten erkannten. Ein schmerzvoller Lernprozess, zu dem auch die Einsicht gehörte, selbst lange Zeit dem Naziregime als Soldat gedient zu haben. In der Gefangenschaft hatte Gerlach einen Roman über Stalingrad zu schreiben begonnen. Das Manuskript ging verloren. Man weiß heute, dass die Sowjets es einbehielten. Aber Gerlach rekonstruierte den Roman, nachdem er 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Er erschien 1957 unter dem Titel Die verratene Armee. 2016 erschien die ursprüngliche Fassung dieses Romans Durchbruch bei Stalingrad. Die spannende Geschichte vom Verlust des Manuskripts, von der Rekonstruktion und der öffentlichen Wahrnehmung des außergewöhnlichen Romans machen ihn selbst zu einem Dokument der Zeitgeschichte. Über die Qualitäten des Romans sowie die Geschichte seiner Entstehung und Rezeption in Deutschland kann man hier mehr erfahren. In der Gefangenschaft gehörte Gerlach zu den Gründungsmitgliedern des im September 1943 gegründeten „Bundes Deutscher Offiziere“ – eine Organisation die kurze Zeit später im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ aufgehen sollte. Mit Unterstützung der Sowjets und in Kooperation mit deutschen Emigranten in der Sowjetunion hatten sich kriegsgefangene Soldaten und Offiziere zusammengeschlossen, um zur Niederlage des Naziregimes beizutragen. In Nazideutschland wurden sie deshalb als Verräter denunziert, ihre Familien wurden in Sippenhaft genommen. In der antikommunistischen Stimmung nach 1945 diffamierte man das Nationalkomitee als eine von Kommunisten gesteuerte Organisation, deren Mitglieder pauschal als willige Vollstrecker der kommunistischen Marschroute dargestellt wurden. Mit neuen Vorzeichen passte da auch der alte Nazivorwurf des Verrats. Gerade vor diesem Hintergrund ist Gerlachs Bericht über seine „Irrfahrt“ durch die Jahre der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion interessant. Denn in dem halbdokumentarischen Roman „Odyssee in Rot“ berichtet er von den intensiven Diskussionen, den Zweifeln, den Hoffnungen der kriegsgefangenen Soldaten. Natürlich misstrauten viele den Sowjets. Noch misstrauischer begegneten die Soldaten und Offiziere den Emigranten in der Sowjetunion. Viele von ihnen waren KPD-Mitglieder. Und die KPD gehörte zu den klassischen Feindbildern der Militärs. Aber trotzdem suchten sie nach Wegen, sich am Kampf gegen die Nazidiktatur zu beteiligen. Kompromisse waren nötig, auch wenn sie schwer fielen. Literarisch kommt Gerlachs Romanbericht nicht heran an seinen Stalingradroman. Trotzdem meine ich, dass es lohnend sein kann, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Warum? Dazu mehr hier.

Gerlach, Heinrich: Odyssee in Rot. Bericht einer Irrfahrt. Herausgegeben und mit einem Nachwort und dokumentarischem Material versehen von Carsten Gansel. Berlin 2017.