Archiv der Kategorie: Krieg

Euclides da Cunha: Krieg im Sertão

Ein ergreifendes, ein packendes Buch. Es erzählt von einer bis heute das brasilianische Selbstverständnis prägenden Herausforderung, die darin besteht, ein modernes, fortschrittliches Land zu gestalten, ohne dabei die eigenen vormodernen Traditionen zu verleugnen – auch wenn sie dem Fortschritt im Weg zu stehen scheinen. In dem Bemühen einerseits den Idealen der (politischen) Aufklärung Wirkung zu verschaffen, andererseits aber auch den Zweifel an der Allzuständigkeit dieser Ratio zuzulassen, wird Euclides da Cunhas Roman zu einem anschaulichen Beispiel für die Dialektik der Aufklärung. Denn Euclides da Cuna schildert die Geschichte des Krieges im Sertão zunächst als notwendige und gerechtfertigte Aktion des aufgeklärten republikanischen Brasiliens im Dienste einer fortschrittlichen Moderne gegen dumpfe Rückständigkeit und Armut. Es trägt ihn als Autor die Euphorie des richtigen Bewusstseins, mit dem auch die Soldaten den Feldzug antraten: sie kamen als Vertreter der jungen brasilianischen Republik, als Gesandte des Fortschritts. Sogleich aber mischt sich bereits Verunsicherung in die Euphorie: geht die Moderne auch über Leichen? Denn der aufgeklärte Feldzug in dieses Land und gegen seine Menschen erweist sich als Bankrotterklärung der Moderne. Er gerät zum brutalen Gemetzel. Anlass für die Ereignisse, die Euclides da Cunha in der Endphase des Feldzugs als Berichterstatter für eine Zeitung in São Paulo miterlebte, war der sogenannte ‚Aufstand‘ im Sertão. Über dieses Hinterland, der Autor vermerkt es bitter, war im modernen Brasilien der Städte an der Küste des Landes Ende des 19. Jahrhunderts, als die Ereignisse eskalierten, kaum etwas bekannt. Das Land schien wüst und sperrig, unwirtlich, und die Menschen, die dort lebten galten als wilde und unzivilisierte Sonderlinge. Landschaft, Klima und Menschen schildert der Autor in ausschweifend packenden Passagen. In die Beschreibung der Tristesse dieses Landes mischt sich aber immer auch bereits ein Stück Bewunderung: auch dies ist Brasilien und eigentlich gebührt doch den Sertanjeos alle Hochachtung dafür, wie sie ihr schweres Leben in diesem Land bewältigen und gestalten. Wie sie auf ihren naturverbundenen Lebensgewohnheiten beharren, ihre ins Naive changierende religiöse Inbrunst ausleben, ihre ‚kulturfeindliche‘ Abgeschiedenheit leben und ihren Überlebenskampf ebenso eigenwillig wie stolz führen, das beeindruckt den Chronisten: Sie sind eigen, diese Menschen, aber sie sind doch auch Brasilianer. Im übrigen Brasilien indes sieht man zu dieser Zeit mit arrogant-aggressiver Verachtung auf das Hinterland. Man muss wohl den Zurückgebliebenen noch klar machen, was ein modernes Brasilien ist. Diese Haltung verstärkt sich, als der Staat im Sertão zunehmend um sein Gewaltmonopol fürchten muss. Immer öfter finden Überfälle statt, die Jaguncos, berüchtigte Schläger, Pistoleros und Banditen bestimmen die Szene und entziehen sich allen Versuchen der Staatsmacht, sie zu sanktionieren. Es droht ein rechtsfreier Raum. In dieser Situation taucht nun auch noch ein dubioser religiöser Führer, Antonio Vicente Mendes Maciel, genannt Antonio Conselheiro (der „Ratgeber“) auf. Seit den 1870er Jahren schon zieht er als Wanderprediger durch das Sertão. Man sagt ihm Wunderkräfte nach, die Menschen versammeln sich um ihn. Unter ihnen sind auch viele Jaguncos, angelockt durch das Heilsversprechen des Predigers. Die Stadt Canudos wird zu ihrem Zentrum. Misstrauisch schaut die Regierung auf die Entwicklung: in Canudos verweigert man die Steuerzahlungen, entzieht sich der geplanten Volkszählung, verweigert die Schulpflicht. Ein Staat im Staat? Immer hysterischer wird in Brasilien eine Stimmung, die Maßnahmen gegen die elendig Zurückgebliebenen, die Verweigerer des modernen Fortschritts fordern. Die Stimmung wird angestachelt durch das Gerücht, in Canudos entstehe eine gegen die Republik gerichtete Koalition mit den Befürwortern eines neuen Kaisertums in Brasilien. 1896 beginnt deshalb der Canudos-Feldzug. Sehr genau hat da Cunha die insgesamt vier aufeinander folgenden militärischen Expeditionen recherchiert und beschreibt sie in ihren katastrophalen Verläufen. Denn die erschreckend dilettantisch geführten militärischen Operationen enden allesamt im Desaster und fordern unzählige Opfer unter den Soldaten. Dennoch branden ebenso wütend wie begeistert immer neue Bataillone gegen Canudos an. Und sie geraten eins nach dem anderen in einen guerillaartigen, grausam und brutal geführten Kleinkrieg mit den Jaguncos, den sie in ihrem Hochmut nicht erwartet hatten und für den sie nun nicht vorbereitet waren. Hier kann die hochgerüstete Armee kaum etwas ausrichten. Die Jaguncos kämpfen mit sehr geringen Mitteln und fügen dennoch den Angreifern immer wieder Verlust auf Verlust zu. Bei den Soldaten gewinnt der Gegner eine schreckerfüllte Hochachtung: Wie machen die das? Wofür kämpfen sie so überzeugt? Manchmal kann man Gefangene machen und die Menschen scheinen verwahrlost, verwildert, ‚wie Tiere‘ und doch gewinnen sie im Moment ihres Todes eine ungekannte Würde. Die Angreifer sind verunsichert und kompensieren diese Unsicherheit mit Grausamkeit. Gefangene werden ohne Umstände „abgekehlt“, Canudos wird über Monate mit schweren Geschützen zu einem Trümmerfeld zerschossen. Erst als auch die letzten zwanzig in den Trümmern noch ausharrenden Jaguncos tot sind, ist der Sieg errungen. Aber was ist das für ein Sieg? Euclides da Cunha schildert all dies in sprachmächtigen Bildern. Das grausame Elend erscheint in anschaulicher Allgegenwärtigkeit. Und ist es nicht doch nötig? Denn auch die große französische Revolution, auf die sich da Cunha immer wieder als das bewunderte Vorbild für die junge brasilianische Republik bezieht, musste hart sein gegen die Unwissenden und grausam konsequent vorgehen gegen die Feinde der Revolution. Doch angesichts der Geschehnisse in Canudos wachsen seine Zweifel und lassen sich schließlich nicht mehr verdrängen. Die Katastrophe des Feldzugs ist Ausdruck eines Fortschrittsversagens und fordert ein neues Bewusstsein über das, was die brasilianische Identität sein soll. Gehört zu diesem Brasilien neben der glitzernden Moderne in den Städten nicht auch das dunkle wilde Hinterland mit Menschen, die sich sperren gegen die Verlockungen des Fortschritts. Ein fremdes Land aus Wüste und Urwald, in dem die Menschen leben wollen wie ihre Vorfahren im Einklang mit einer unzerstörten Natur? Beides macht das moderne Brasilien aus. Aber bereits das Wissen und die Erfahrung, dass zur eigenen Identität auch der ‚unzivilisierte‘ und wilde Anteil gehört ist schmerzhaft. Ebenso wie die konkrete Integration dieses Anteils. Ein Anteil, der oft nicht passen will zur angestrebten Moderne und dem Land stattdessen bis heute eine immerwährende Selbstprüfung abverlangt. Vielleicht ist eben deshalb das 1902 erschiene Buch Os Sertäes, wie der Schriftsteller Jorge Amado einmal zu bedenken gab, dass „am wenigsten gelesene, aber meistdiskutierte Buch Brasiliens“.

Euclides da Cunha: Krieg im Sertão. Aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt und mit Anmerkungen, einem Glossar und einem Nachwort versehen von Berthold Zilly, Frankfurt 2013 (783 Seiten), ISBN: 978-3-518-42376-9.

Boris Sawinkow: Das schwarze Pferd

Boris Sawinkow ist eine schillernde Gestalt im Umfeld der russischen Umwälzungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Extremist aus heutiger Sicht: ein Terrorist, ein Attentäter, ein Revolutionär, ein Soldat der Weißen, ein Partisan, ein Mörder… 1924 wurde er durch einen Trick der Tschecka aus dem Exil in die SU gelockt (man bot ihm Kontakte mit einer Widerstandsgruppe an), verhaftet und zum Tode verurteilt. Er wird begnadigt. 1925 stürzt er aus dem Fenster seiner Zelle im Lubjanka-Gefängnis zu Tode. 1923 war der Roman „Das schwarze Pferd“ erschienen. Er handelt von drei Phasen des politisch-militärischen Kampfes Sawinkows gegen die Roten während des Bürgerkriegs. In tagebuchartigen, sehr knappen Eintragungen, die im November eines der Bürgerkriegsjahre beginnen und über den Sommer bis zum letzten Eintrag am 15. März des folgenden Jahres andauern, folgen wir zunächst dem Oberst der Weißen Armee auf dem Marsch nach Moskau, sodann dem Untergrundkämpfer der „Grünen“, den „Banditen“, und schließlich dem untergetauchten Attentäter in Moskau. Immer an seiner Seite Jegorow, ein bäuerlich-roher Typ, Symbol eines ursprünglich ‚heiligen‘ Russlands, für die alle zu kämpfen vorgeben. Er wie auch der andere an seiner Seite Fedja mit dem sprechenden Nachnamen Moschenkin (Moschenik: Gauner, Schlitzohr) stehen auch für einen anderen Aspekt des russischen Seins: eine erschreckend unmittelbare Grausamkeit und Brutalität. Sie hängen die Menschen, erschießen sie, ‚braten‘ sie – immer im Interesse ihres Kampfes gegen die „Höllenbiester“, wie Jegorow die Roten nannten. Der Dritte ist Wrede, ein ehemaliger Offizier des Zars, Repräsentant der Oberschicht. Alle drei werden in Moskau entdeckt. Wrede und Fedja werden hingerichtet, Jegorow sprengt sich in die Luft. Die Aufzeichnungen schildern alles das in denkbar knapper, sachlicher Art. Der Aufzeichnende, George, scheint abseits zu stehen. Die Hinrichtungen befiehlt er, der Kommandant, wie beiläufig mit einen Wort, einem Kopfnicken, Jegorow und Fedja erledigen die Sache. Er weiß, dass er Teil eines großen Schreckens ist. Immer näher rückt die Frage: für was? Sie treffen auf Rote, die mit den gleichen Mitteln agieren. Alles für Russland? Welches Russland? Welche Menschen? Er beneidet Jegorow für sein eindeutiges Feindbild. Fedja, der – wäre es anders gekommen – auch für die Roten… Die Zweifel kulminieren im Gespräch mit Olga der einstmals Geliebten in Moskau. Sie verkörpert ein idealisiertes Sehnsuchtsbild, ein russisch-weibliches Ideal, für das er zu kämpfen meint. Als er sie in Moskau wiederfindet, ist sie Kommunistin. Ihr Äußeres ist sachlich statt sinnlich. Was bedeutet die Revolution? Um welche Sache geht es? Und die Liebe? Unmöglich. Am Ende ist George alleine auf der Flucht aus Moskau. Sawinkow gelingt mit äußerst knappen notizenartigen Sätzen eine über die Chronik des Geschehens hinausweisende Einsicht in die inneren Kämpfe seines alter Egos George. Er erscheint als der der gerechten Sache verpflichtete Kämpfer. Einer Sache, die dem „russischen Volk“ verpflichtet ist. Und die anderen? Die Roten? Kämpfen für was? Worin besteht der Unterschied? In den Miniaturen zitiert Sawinkow immer wieder religiöse Bibelstellen, verweist auf das Heilige des Russischen, das sich als eine zunehmend vage Idealisierung herausstellt. Ein dostojewskischer Traum von Russland, den er selber freilich als brutaler Akteur des Bürgerkriegs mit jeder neuen grausamen Tat zerstört. Er wird durch diesen Zweifel nicht ‚bekehrt‘, wechselt nicht die Seiten, doch spürt er die Vergeblichkeit seines am Ende nur noch selbstbezüglichen Tuns. In einer Hinsicht ist dies mit dem der Roten in diesem Bürgerkrieg vergleichbar: der grausamen Brutalität gegen die Bevölkerung. In den Textminiaturen werden sie immer wieder erkennbar. Der Band liefert noch eine „schriftliche Aussage“ Sawinkows zu seiner Anklage sowie sein Schlusswort zum Prozess. Hier begründet er für sich auf eine sehr logisch-konsequente Weise das Ende seines Kampfes gegen die Roten. Dieser Kampf begann einstmals als revolutionäre Tat gegen das Zarregime und seine Repräsentanten im Einklang mit dem unterdrückten Volk. Diese Unterstützung ging dann aber nach der wirklichen Revolution 1917 zunehmend verloren. Und damit die Legitimation für seine Existenz als Offizier der Weißen, als Kämpfer Grünen, als Terrorist. Eine sachliche und nüchterne Kapitulation.

Boris Sawinkow (W. Ropschin): Das schwarze Pferd. Roman aus dem Russischen Bürgerkrieg. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit ergänzendem Material versehen von Alexander Nitzberg. Verlag Galiani, Berlin 2017. ISBN 9783869711454.