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Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr

Dieses Buch wird dem Autor viel abverlangt haben. Eine Art Selbsterkundung, die mit ‚quälerisch‘ nicht präzis genug beschrieben wäre, denn es würde den Fokus zu sehr auf das Moment der Selbsterfahrung, das die Verständigungstexte der nachfolgenden 1980er Jahre prägte, einengen. Rückblickend lässt sich dieser Text zwar durchaus als ein Vorläufertext dieses Genres interpretieren und also ‚einordnen‘. Aber vom Text selber ausgehend, ihn befreiend von allzu groben Kategorien der Einordnung, täte man ihm Unrecht, würde man ihn nur in dieser Perspektive verstehen. Denn die Art von Erkundung, die Rolf Dieter Brinkmann vornimmt, ist weitaus komplexer. Sie stellt uns einen Menschen in einer existentialistisch anmutenden Verunsicherung vor. Dabei geht er mutig vor, denn der Erzähler ist in jeder Phase eindeutig erkennbar: der junge Brinkmann im Köln der ausgehenden 1960er Jahre, in Bedrückung dieser bürgerlich verdrucksten Stadtgesellschaft, der er auch bei den Nutten in der nahgelegenen Kleinen und Großen Brinkgasse nicht entkommen konnte, war doch dieses ‚Viertel‘ selbst Ausdruck dieser bigotten Gesellschaft. Später wird der Ich-Erzähler noch einen weiteren Fluchtversuch unternehmen. Mit dem Zug in Städte wie Essen und Hannover und es ist erstaunlich, wie intensiv sich beim Lesen diese feucht-dunkle Ödnis der noch im Wirtschaftswunderwahn sich befindenden Städte nachempfinden lässt. Welche ‚Schande‘, wenn dann der taumelnde Held ausgerechnet hier von einer Nutte in jenen Straßen der Verlorenheit abgewiesen wird und schließlich in trostloser Verzweiflung im schäbig-normalen Hotel selbst Hand anlegen wird. Und er erinnert sich wieder an seine Frau in Köln. Denn um sie dreht sich diese Erkundung seiner selbst. Sie, „das Kind“, die Wohnung in Köln, die ‚Familie‘, das ‚normale Leben‘. Peinlich genau beobachtet und beschreibt der Zweifelnde dieses gemeinsame Leben, das er verdächtigt, ihm das eigene Leben zu nehmen, aber das zugleich ihm doch immer wieder Halt und Sehnsucht bedeutet. Für‘s Begehren, ihre Liebe. Ja, da liegt sie ja begehrenswert, ihre anspornende Nacktheit holt ihn zurück ins ‚Zuhause‘. Und wie er sie beschreibt ist ebenso mutig wie anrührend. Gleich aber schleicht sich die Verunsicherung wieder ein: ist das echt? Hier, in dieser Wohnung? Mit dem Kind? Wieder ist sie da, die zur Wut sich ballende Verunsicherung. Brinkmann beschreibt sie ausschweifend und manchmal meint man, einschreiten zu müssen: Hör doch endlich mal auf! Was willst du denn eigentlich? Aber dann folgt man wieder der unklar verzweifelten Getriebenheit seiner selbst. Auch weil Brinkmann über die literarischen Mittel für sein Anliegen verfügt. Dazu gehört auch, dass er nie ungerecht wird gegenüber den Personen in seiner Umwelt. Er stellt sie nicht bloß, sondern vermag sie im Rahmen seiner Selbsterkundung so einzubinden, dass ihre Würde und Integrität gewahrt bleiben, während sie doch zugleich immer wieder doch auch der ‚Grund‘ für die Verunsicherung zu sein scheinen. Eine ziemliche Zumutung muss das gewesen sein für Maleen, seine Frau und den gemeinsamen Sohn Robert, der 1964 geboren wurde. Aber sie blieben dem Projekt Brinkmann solidarisch verbunden… Diesen kleinen Sozialraum, repräsentiert durch die präzis beschriebene Wohnung in Köln, besetzt Brinkmann mit zwei weiteren Figuren aus dem Freundeskreis: Gerald, eine Art kleiner Köln-Casanova, und der homosexuelle Rainer, ein weltgewandt sich gebender Pendler zwischen London und Köln. Brinkmann führt sie ein, als könnten sie Zugang zu Zufluchtsmodellen verschaffen und es ist manchmal anrührend, zu lesen, wie die ‚Freundschaft‘ zwischen den dreien Orientierung bieten soll. Dabei ist doch längst entschieden, dass weder die frauensammelnde Variante Geralds, noch die Exklusivität des homosexuellen Rainers Auswege weisen. Eher zwingen sie zur neuen Konfrontation mit dem eigenen Leben – mit ihr und dem Kind. Mit den Figuren führt Brinkmann, was aus heutiger Sicht noch‘mal interessant ist, einen Teil ‚der Szene‘ Kölns in jener Zeit mit ein. Das vermittelt Zeitgeschichte, zum Beispiel wenn man in der Wohnung Platten von „The Fugs“ auflegt. Das war eine progressiv-politische US-Band um Ed Sanders und Tuli Kupferberg. Internet macht‘s möglich und man kann sich die Songs, die auf dem Plattenspieler in Brinkmanns Wohnung abgespielt wurden, anhören… und vermag vielleicht sich ein wenig einzufühlen in die Lebens- und Erfahrungswelten des Autors, der einen bis heute ungewöhnlichen und mutigen Roman verfasste. Ein Roman, der Brinkmanns bemerkenswerte Rolle während einer leider viel zu kurzen Zeit als Autor belegt.

Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr. Roman. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch, Neuausgabe Mai 2005). ISBN 978 3 499 23934 2.

Karl Marx – Bemerkungen

Wer sich aus Anlass seines 200jährigen Geburtstages mit Karl Marx beschäftigt mag sich zuweilen die Frage stellen, was man eigentlich tatsächlich braucht, um heute Karl Marx abseits eines wie auch immer gearteteten Spezialinteresses, sei es ein wissenschaftliches, ein politisches oder ein persönliches Interesse, zu verstehen‘ oder doch zumindest ihn so kennenzulernen, dass man in ihm auch den Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts aus Trier, ein Mensch mit Idealen, Bedürfnissen, Wünschen und Nöten wiedererkennt. Ein Mensch, der hinter der ikonographischen Überhöhung, die er über seinem Namen seit 200 Jahre erfährt, mit seinem Leben zu verschwinden droht.

Aber was heißt sein Leben? Denn da ist ja noch dieses große, alles überwältigende Wort „Marxismus“. Alles, was sich zu Recht oder zu Unrecht mit diesem Begriff verbindet, weist über das Einzelleben des Karl Marx hinaus. Es empört sich geradezu vor der Zumutung, diesem Namen ein ‚normales‘ Leben im 19. Jahrhundert zuordnen zu sollen. Dieses Leben beginnt am 5. Mai 1818 in Trier. Die Trierer sahen seitdem auf ihren berühmten Sohn mit zwiespältigen Gefühlen. Ja, er kam aus Trier, aber bitte, deshalb ist die Stadt doch nicht mitverantwortlich dafür zu machen, was in seinem Namen im 20. Jahrhundert alles geschah: Revolution, Kommunismus, Sowjetunion, Gulag, Kalter Krieg. Das Geburtshaus samt Museum blieb über Jahre bescheiden. Man empfand es eher als peinliche Pflicht, die Erinnerung zu wahren und überließ es vor 50 Jahren wohl gern der Friedrich-Ebert-Stiftung, die die Trägerschaft des Museum Karl-Marx-Haus (KMH) übernahm. Wie anders feierte man Karl Marx in den damaligen sozialistischen Ländern. Denkmäler, eins gewaltiger als das andere. So wie in einer eigens nach ihm benannten Stadt in dem kleinen Land mit Namen DDR, wo 1971 über 250.000 Menschen zusammengekommen waren, um der Einweihung einer über 13 Meter hohen (mit Sockel) und wohl vierzig Tonnen schweren Plastik seines ‚Antlitzes‘ beizuwohnen. Karl-Marx-Stadt statt Trier. Was für entgangene Möglichkeiten… Heute aber, zum 200. Geburtstag, endlich, darf sich die Volksrepublik China, letzte verbliebene Macht des sich auf Karl Marx beziehenden sozialistischen Imperiums, mit einem Geschenk revanchieren. In Bronze wird er gegossen nach dem Entwurf des Bildhauers Wu Weishan. 5,50 Meter hoch ragt die Heldenstatue, Karl Marx im bürgerlichen Gelehrtenrock, in der linken Hand ein Buch haltend, die Rechte angewinkelt nach vorne weisend den Schreitenden, dessen Blick erhaben in die Zukunft gerichtet ist: der weise Prophet, der Erbauer einer neuen Welt. Was für eine großartige Ironie der Geschichte…

Und eine Mahnung an die kleinkarierten Versäumnisse des Gedenkens im Geist des jahrzehntelangen Antikommunismus, die bis heute spürbar sind. Wie zum Beispiel in Köln, wo sich des Trierers gedenken ließe als ein Vorreiter des modernen politischen Journalismus, als Verteidiger der Pressefreiheit oder auch als jemand, der – völlig unideologisch – die Kooperation mit liberalen Bürgerkreisen einging, die ihn einstmals zur „Rheinischen Zeitung“ geholt hatten. Als ein politischer Kämpfer gegen obrigkeitsstaatliche Willkür, als ein Bürgerrechtler wäre er hervorzuheben. Aber man muss schon wissen, wo man in Köln nach Marxens Spuren suchen muss, um derartige Anlässe des Gedenkens zu finden. Sonst wüsste man gar nicht, dass er mal hier gewesen ist. Peinlich…

Karl Marx war ein Mensch des 19. Jahrhunderts. Politisch wurde er geprägt durch die überall in Europa missglückten Versuche, die Machtverhältnisse zu demokratisieren und mehr Gerechtigkeit für alle zu schaffen. Das meinte vor allem soziale Gerechtigkeit, denn der technische Fortschritt des 19. Jahrhunderts schuf völlig neue Formen der Ungerechtigkeit vor allem in der Arbeitswelt. Wie viele andere Zeitgenossen auch, sah Marx hier eine neue Herausforderung. Er stellte sich ihr, indem er begann, mit akribischer Konsequenz die Ursachen und Wirkungen der neuen Verhältnisse wissenschaftlich exakt zu beschreiben. Auch diese Analyse begann im Geist des 19. Jahrhunderts. Für Marx und viele seiner Kompagnons steht am Beginn Hegel. Zumeist ist davon in den Büchern über Marx dann auch zu lesen: viele Seiten erklären Entwicklung des Marx‘schen Werkes aus dem Geiste Hegels. Kaum anders, wie man es seit jeher macht: da ist ‚der‘ Hegel, Feuerbach, sind die Junghegelianer. Da kritisiert Feuerbach Hegel und entwickelt ihn weiter und Marx nutzt Feuerbach und entwickelt ihn weiter – und so weiter und so weiter. So erklärt sich der Fortgang aller Theorie ganz im Sinne der guten alten Aufklärung als Kritik an den irgendwie defizitären Vorgängermodellen. Und macht so die Denker und ihre Theorien zu Motoren der Fortentwicklung in ihrer Zeit. Was aber, wenn man es auch andersrum sehen würde? Die Zeit macht die Theorien möglich: zu kritisieren ist also nicht, was bei diesen Denker fehlte bis es der andere Denker hinzufügte. Schon deshalb nicht, weil es zum jeweiligen Zeitpunkt noch gar nicht verfügbar war. Wie das Soziale: Als eine Kategorie des Denkens wurde es erst relevant, als es sich aufdrängte und man das Soziale konkret ‚erfuhr‘. Nun freilich galt es, sie einzubeziehen ins Theoretische. Politisch bedeutet dies eine eher praxis- bzw. erfahrungsorientierte Theorie anstelle der idealistischen Theorie. Karl Marx, obwohl durch seine Studien immer wieder auf das Praktische verwiesen, blieb in dieser Hinsicht störrisch. Es fiel ihm schwer, veränderte politisch-soziale Verhältnissen als neue Rahmenbedingungen einer Gesellschaftsveränderung anzuerkennen. Zu einem Teil erklären sich so auch seine Probleme mit Lassalle und der aufkommenden deutschen Sozialdemokratie. Sie erkannten im preußisch-deutschen Staat politisch-strategische Handlungsoptionen, um diesen Staat zu verändern – etwa durch die Einführung eines allgemeinen Wahlrechts, das auch der Sache der Arbeiter zugute käme. Bestenfalls ein „königlich-preußischer Regierungssozialismus“ schimpfte Marx, in dieser Hinsicht über die deutschen Verhältnisse völlig einig mit Engels.

Idealistisch-programmatische Politik steht heute zur Debatte. Gegen eine linke oder rechte Programmatik als Leitlinie der Politik steht eine erfahrungsorientierte Politik, die sich vom Links-Rechts-Schema emanzipiert. Ist das beliebig? Mit Marx, bei dem in den 1860er Jahren angesichts der realen Macht einflussreicher Gewerkschaften im liberalen englischen politischen System auch eine „Sozialdemokratisierung der Sprache“ (Jones) festzustellen ist, müsste man dennoch warnen vor einem prinzipienlosen Relativismus. Warnen vor den Gefahren des Populismus. Richtig, aber ausreichend? Verlangt nicht das Primat des Politischen, was ja nichts anderes ist, als die Anerkennung des tatsächlichen Lebens und Erlebens ist, den Vorrang vor idealistischem Formalismus, wie er in allwissenden Parteiprogrammen statuiert ist?

An dieser Stelle ist ein weiterer interessanter Widerspruch zwischen Leben und Ideal auch im Leben des Karl Marx anzumerken. Der Zeitgenosse Marx lebte ein sehr bürgerliches Leben. Die Aussage wird ironischerweise dadurch bestätigt, dass dieses bürgerliche Leben als Ehemann, Vater und Familienmensch über lange Jahre völlig misslang. Anders als der Freund Engels, der den Widerspruch zwischen seiner Existenz als wohlhabender Fabrikantensohn und sozialistischem Ideal in einer legeren, zuweilen fast bohèmehaft anmutenden Form kultivierte, blieben Marx und seine bewunderungswürdige Frau Jenny im Bemühen stecken, überhaupt eine irgendwie sichere Existenz aufzubauen. Dass trotz der elenden Verhältnisse, in denen die Familie darbte und die sicher auch beitrugen zum Tod der Kinder, von denen nur die drei Töchter überlebten, dennoch immer die bourgeoise Fassade mit Dienstboten und großem Haushalt aufrecht erhalten wurde, macht Marx abermals zu einem Repräsentanten seiner Zeit. Die quälende Situation, deren tatsächliche Auswirkungen auf die Seelenbefindlichkeiten in der Marx-Familie nur zu erahnen sind, wurde ebenso prägend, wie sie niemals aufgearbeitet wurde. Als er schrieb, das Sein bestimmt das Bewusstsein, hätte er schreiben können, der Schein bestimmt das Bewusstsein. Bezeichnend für diese Situation ist ein Besuch Lassalles 1862 in London. Um ihn einigermaßen angemessen empfangen zu können, mussten im Marx‘schen Haushalt entwürdigende Anstrengungen zur Aufrechterhaltung des Scheins unternommen werden. Und das ausgerechnet für Lassalle, über den Marx sich zuweilen in gehässig-bösartiger, zudem mit antisemitisch motivierter Ablehnung äußerte. Andererseits war da auch eine Art „widerwilliger Bewunderung“ (Jones) und die betraf auch den wohlhabenden Lebensstil Lassalles. Mit neidvollem Grimm bemerkte Marx, wie leicht dieser das Geld auszugeben vermochte, das im Haushalt Marx überall fehlte. Statt es einem Freund, ihm, der es so sehr brauchte, zu leihen. Als Lassalle schließlich doch bereit ist, ihm Geld zu leihen, verlangte er zur Sicherheit eine Garantieerklärung für die Rückzahlung des geliehenen Geldes – von Engels! Was für eine Kränkung für Marx. Aber doch auch so typisch für die Abgründe, die sich hinter so vielen gutbürgerlich getarnten Verhältnissen auftun konnten. Jene Abgründe, die Jahre später Sigmund Freund zu erkunden begann…

Was aber auch diese Episode aus dem Marx‘schen Leben zeigt: es bleibt das immerwährende Verdienst Engels, seinen Freund zeitlebens finanziell unterstützt zu haben. Dabei ist doch auch diese „intellektuelle Freundschaft“ Ausdruck eines verklärten Machtverhältnisses, wie es so typisch für das 19. Jahrhundert war: Geld bestimmt die Welt. Hier die Rollenverteilung des wohlhabenden Mäzens auf der einen und des darbenden Künstlers, der in diesem Fall ein Philosoph ist, auf der anderen Seite. Dass ausgerechnet die Freundschaft zwischen Marx und Engels dann zum Modell einer romantisch idealisierten Symbiose zwischen Mäzen und Künstler beiträgt und als auf Sofakissenstickereien ikonisiertes Abbild zur gutbürgerlichen Behaglichkeit beiträgt, obwohl sie doch in Wahrheit nur der Verschleierung tatsächlicher Machtverhältnisse dient, mutet fast schon komisch an.

Aber in diesen Konstellationen eines bürgerlichen Lebens, das auch von Lebenslügen und Verdrängungsleistungen aufrecht erhalten wird, wird der Mensch Karl Marx als Zeitgenosse wieder sichtbar – eben als ein Mensch in seiner Zeit.