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„Ein Traum von Paris“

Als zu Beginn der 1960er Jahre der WDR anfragte, ob er sich vorstellen könne, „Das Pariser Journal“, eine bis dahin noch kaum profilierte Fernsehreihe, zu übernehmen, sagte Georg Stefan Troller nach kurzer Überlegung zu. Was man denn erwarte? Na, Paris so zeigen, „wie es wirklich ist“. Er bekam den Job. Ins Tagebuch notierte er nachdenklich aber selbstbewusst: Paris, wie es ist, läßt mich kalt. Das einzige, was ich darstellen will, ist mein Traum-Paris, so verführerisch wie erschreckend, dem ich in Haßliebe zugetan bin. Aber ob das gefragt ist?“ Nach Paris war der 1921 in Wien geborene Troller über Umwege gekommen. Als 1938 Österreich ‚heim ins Reich‘ drängte und bereitwillig sich den Nazis auslieferte, verließ der junge Troller das Land. Über die Tschechoslowakei gelangte er nach Frankreich. 1941 erhielt er das rettende Visum nach Amerika. Als US-Soldat kam er zurück nach Europa in das von den Nazis befreite Österreich. Befreit? Das Exil, die traurig-vergebliche Sehnsucht nach dem Verlorenen, verarbeitete er gemeinsam mit dem Regisseur Axel Corti in der TV-Trilogie Wohin und zurück“ ( An uns glaubt Gott nicht mehr, 1981; Santa Fe, 1986; Welcome in Vienna, 1986) – bis heute ein Höhepunkt hiesiger Fernsehkunst. Troller ging zurück nach Amerika, bevor er dann als Radioreporter 1949 endlich in Paris ankam. Im Gepäck hatte er eine Leica-Kamera, die er, so erzählt er es, einem deutschen Soldaten abgenommen hatte – so war es nun einmal das Gesetz des Krieges“. Mit dieser Kamera machte er sich auf die Suche nach seinem Traum-Paris… Die Fotos, die während dieser Erkundungen entstanden, hielt Troller selbst für längst verschollen. Seine Tochter fand sie zufällig. Erstmals im Rahmen einer Ausstellung gezeigt wurden sie nun im „Forum für Fotografie“ in Köln im Mai 2018. Eine wehe Melancholie weht vorüber, wenn man die Fotos anschaut. Jedenfalls meint sie zu spüren, werwie auch immer begründetmeint, eine Ahnung sich davon bewahrt zu haben, was das ‚alte Paris‘ einmal ausmachte. Gemeint ist das ‚alte Paris‘, das einstmals noch ein Paris der ‚kleinen Leute‘ war. Menschen, die heute längst in der Périphérique leben (müssen). Enge, ziemlich mitgenommene Wohngegenden, düstere Straßen, manchmal sieht es aus wie in den Nachkriegstrümmerlandschaften deutscher Städte – vor allem, wenn man Kinder vor diesen Beinaheruinen spielen sieht. Sanierungsgebiet, Abrißhäuser, Hinterhöfe in Ménilmontant und Belleville, dem 1860 eingemeindeten und heute sich über das 19. und 20. Arrondissement erstreckenden Vorort im Nordosten. Manchmal erinnern einige der Straßenszenen – vielleicht gerade, wenn man die Fotos in Köln sieht – an die Fotos, die Chargesheimer „Unter Krahnenbäumen“ von den kleinen Leuten in dieser heute ebenfalls verlorenen Straße in Köln fast zeitgleich zu Trollers Erkundungen machte. Es ist eine bestimmte katholische Heimat – statt Krahnenbäumen ginge auch Neapel, oder Rom – in der die Menschen trotz aller Bescheidenheit ihres Lebens eine unmittelbare Vitalität ausstrahlen. Ihre Freude an den Kleinigkeiten des Lebens. Ihr natürliche Distanz zu allem Schwerernstem. Fast scheint es, als sei ihnen allen ein Stück natürliche Ironie zu eigen. Aber Vorsicht vor zu viel Idyll. Es ist eine Bühnenkulisse“: Und, wie von meinem Unbewußten materialisiert, tauchen zur richtigen Sekunde der Bettler, das ballspielende Kind oder die haubengeschmückte Nonne auf, die diese Bühnenkulisse erst zum fertigen Bild machen“ beschreibt dies Troller einmal. Aber sei‘s auch so… das fertige Bild, in dem Realität und Traumbild sich überlagern, bewahrt bestätigend eben auch den Traum. Längst verflogen, denn inzwischen sind diese Häuser, Straßen und Viertel ‚saniert‘. Die Kulisse verschwunden. Und mit ihnen die Menschen, die Clochards an der Seine, der Zementarbeiter vom Butte aux Cailles im 13. Arrondissement, womöglich ein Nachkomme der Fédérés de la Butte aux Cailles“, die hier am 24. und 25. Mai 1871 während der Pariser Commune unter dem Kommando des polnischen Exilanten Walery Wróblewskis gegen die Regierungstruppen aus Versailles aushielten. Umsonst, denn nur wenige Tage später, am 28. Mai endete das Abenteuer der Commune, als an der „Mur des Fédérés“ auf dem Friedhof Père Lachaise, wo heute eine Gedenkstätte an die Toten der Commune erinnert, die vermeintlich letzten 147 Kommunarden erschossen wurden. Oder die „Camelots“, die Straßenverkäufer in der Rue Mouffetard, die Jahrmarktsbudenbesitzer am Place Clichy, die „Ureinwohnerinnen“ aus Belleville, der Taubenzüchter und der Säufer aus Ménilmontant oder das Bettlerpaar vor der Kirche Notre-Dame-de-la-Croix. Die Fotos zeigen sie schön. Weil sie ihrer Würde noch nicht verlustig gegangen sind…

Troller, Georg Stefan: Ein Traum von Paris. Frühe Texte und Fotografien, Wiesbaden (Corso Verlag) 2017, ISBN 9783737407434 .

Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr

Dieses Buch wird dem Autor viel abverlangt haben. Eine Art Selbsterkundung, die mit ‚quälerisch‘ nicht präzis genug beschrieben wäre, denn es würde den Fokus zu sehr auf das Moment der Selbsterfahrung, das die Verständigungstexte der nachfolgenden 1980er Jahre prägte, einengen. Rückblickend lässt sich dieser Text zwar durchaus als ein Vorläufertext dieses Genres interpretieren und also ‚einordnen‘. Aber vom Text selber ausgehend, ihn befreiend von allzu groben Kategorien der Einordnung, täte man ihm Unrecht, würde man ihn nur in dieser Perspektive verstehen. Denn die Art von Erkundung, die Rolf Dieter Brinkmann vornimmt, ist weitaus komplexer. Sie stellt uns einen Menschen in einer existentialistisch anmutenden Verunsicherung vor. Dabei geht er mutig vor, denn der Erzähler ist in jeder Phase eindeutig erkennbar: der junge Brinkmann im Köln der ausgehenden 1960er Jahre, in Bedrückung dieser bürgerlich verdrucksten Stadtgesellschaft, der er auch bei den Nutten in der nahgelegenen Kleinen und Großen Brinkgasse nicht entkommen konnte, war doch dieses ‚Viertel‘ selbst Ausdruck dieser bigotten Gesellschaft. Später wird der Ich-Erzähler noch einen weiteren Fluchtversuch unternehmen. Mit dem Zug in Städte wie Essen und Hannover und es ist erstaunlich, wie intensiv sich beim Lesen diese feucht-dunkle Ödnis der noch im Wirtschaftswunderwahn sich befindenden Städte nachempfinden lässt. Welche ‚Schande‘, wenn dann der taumelnde Held ausgerechnet hier von einer Nutte in jenen Straßen der Verlorenheit abgewiesen wird und schließlich in trostloser Verzweiflung im schäbig-normalen Hotel selbst Hand anlegen wird. Und er erinnert sich wieder an seine Frau in Köln. Denn um sie dreht sich diese Erkundung seiner selbst. Sie, „das Kind“, die Wohnung in Köln, die ‚Familie‘, das ‚normale Leben‘. Peinlich genau beobachtet und beschreibt der Zweifelnde dieses gemeinsame Leben, das er verdächtigt, ihm das eigene Leben zu nehmen, aber das zugleich ihm doch immer wieder Halt und Sehnsucht bedeutet. Für‘s Begehren, ihre Liebe. Ja, da liegt sie ja begehrenswert, ihre anspornende Nacktheit holt ihn zurück ins ‚Zuhause‘. Und wie er sie beschreibt ist ebenso mutig wie anrührend. Gleich aber schleicht sich die Verunsicherung wieder ein: ist das echt? Hier, in dieser Wohnung? Mit dem Kind? Wieder ist sie da, die zur Wut sich ballende Verunsicherung. Brinkmann beschreibt sie ausschweifend und manchmal meint man, einschreiten zu müssen: Hör doch endlich mal auf! Was willst du denn eigentlich? Aber dann folgt man wieder der unklar verzweifelten Getriebenheit seiner selbst. Auch weil Brinkmann über die literarischen Mittel für sein Anliegen verfügt. Dazu gehört auch, dass er nie ungerecht wird gegenüber den Personen in seiner Umwelt. Er stellt sie nicht bloß, sondern vermag sie im Rahmen seiner Selbsterkundung so einzubinden, dass ihre Würde und Integrität gewahrt bleiben, während sie doch zugleich immer wieder doch auch der ‚Grund‘ für die Verunsicherung zu sein scheinen. Eine ziemliche Zumutung muss das gewesen sein für Maleen, seine Frau und den gemeinsamen Sohn Robert, der 1964 geboren wurde. Aber sie blieben dem Projekt Brinkmann solidarisch verbunden… Diesen kleinen Sozialraum, repräsentiert durch die präzis beschriebene Wohnung in Köln, besetzt Brinkmann mit zwei weiteren Figuren aus dem Freundeskreis: Gerald, eine Art kleiner Köln-Casanova, und der homosexuelle Rainer, ein weltgewandt sich gebender Pendler zwischen London und Köln. Brinkmann führt sie ein, als könnten sie Zugang zu Zufluchtsmodellen verschaffen und es ist manchmal anrührend, zu lesen, wie die ‚Freundschaft‘ zwischen den dreien Orientierung bieten soll. Dabei ist doch längst entschieden, dass weder die frauensammelnde Variante Geralds, noch die Exklusivität des homosexuellen Rainers Auswege weisen. Eher zwingen sie zur neuen Konfrontation mit dem eigenen Leben – mit ihr und dem Kind. Mit den Figuren führt Brinkmann, was aus heutiger Sicht noch‘mal interessant ist, einen Teil ‚der Szene‘ Kölns in jener Zeit mit ein. Das vermittelt Zeitgeschichte, zum Beispiel wenn man in der Wohnung Platten von „The Fugs“ auflegt. Das war eine progressiv-politische US-Band um Ed Sanders und Tuli Kupferberg. Internet macht‘s möglich und man kann sich die Songs, die auf dem Plattenspieler in Brinkmanns Wohnung abgespielt wurden, anhören… und vermag vielleicht sich ein wenig einzufühlen in die Lebens- und Erfahrungswelten des Autors, der einen bis heute ungewöhnlichen und mutigen Roman verfasste. Ein Roman, der Brinkmanns bemerkenswerte Rolle während einer leider viel zu kurzen Zeit als Autor belegt.

Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr. Roman. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch, Neuausgabe Mai 2005). ISBN 978 3 499 23934 2.