Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr

Dieses Buch wird dem Autor viel abverlangt haben. Eine Art Selbsterkundung, die mit ‚quälerisch‘ nicht präzis genug beschrieben wäre, denn es würde den Fokus zu sehr auf das Moment der Selbsterfahrung, das die Verständigungstexte der nachfolgenden 1980er Jahre prägte, einengen. Rückblickend lässt sich dieser Text zwar durchaus als ein Vorläufertext dieses Genres interpretieren und also ‚einordnen‘. Aber vom Text selber ausgehend, ihn befreiend von allzu groben Kategorien der Einordnung, täte man ihm Unrecht, würde man ihn nur in dieser Perspektive verstehen. Denn die Art von Erkundung, die Rolf Dieter Brinkmann vornimmt, ist weitaus komplexer. Sie stellt uns einen Menschen in einer existentialistisch anmutenden Verunsicherung vor. Dabei geht er mutig vor, denn der Erzähler ist in jeder Phase eindeutig erkennbar: der junge Brinkmann im Köln der ausgehenden 1960er Jahre, in Bedrückung dieser bürgerlich verdrucksten Stadtgesellschaft, der er auch bei den Nutten in der nahgelegenen Kleinen und Großen Brinkgasse nicht entkommen konnte, war doch dieses ‚Viertel‘ selbst Ausdruck dieser bigotten Gesellschaft. Später wird der Ich-Erzähler noch einen weiteren Fluchtversuch unternehmen. Mit dem Zug in Städte wie Essen und Hannover und es ist erstaunlich, wie intensiv sich beim Lesen diese feucht-dunkle Ödnis der noch im Wirtschaftswunderwahn sich befindenden Städte nachempfinden lässt. Welche ‚Schande‘, wenn dann der taumelnde Held ausgerechnet hier von einer Nutte in jenen Straßen der Verlorenheit abgewiesen wird und schließlich in trostloser Verzweiflung im schäbig-normalen Hotel selbst Hand anlegen wird. Und er erinnert sich wieder an seine Frau in Köln. Denn um sie dreht sich diese Erkundung seiner selbst. Sie, „das Kind“, die Wohnung in Köln, die ‚Familie‘, das ‚normale Leben‘. Peinlich genau beobachtet und beschreibt der Zweifelnde dieses gemeinsame Leben, das er verdächtigt, ihm das eigene Leben zu nehmen, aber das zugleich ihm doch immer wieder Halt und Sehnsucht bedeutet. Für‘s Begehren, ihre Liebe. Ja, da liegt sie ja begehrenswert, ihre anspornende Nacktheit holt ihn zurück ins ‚Zuhause‘. Und wie er sie beschreibt ist ebenso mutig wie anrührend. Gleich aber schleicht sich die Verunsicherung wieder ein: ist das echt? Hier, in dieser Wohnung? Mit dem Kind? Wieder ist sie da, die zur Wut sich ballende Verunsicherung. Brinkmann beschreibt sie ausschweifend und manchmal meint man, einschreiten zu müssen: Hör doch endlich mal auf! Was willst du denn eigentlich? Aber dann folgt man wieder der unklar verzweifelten Getriebenheit seiner selbst. Auch weil Brinkmann über die literarischen Mittel für sein Anliegen verfügt. Dazu gehört auch, dass er nie ungerecht wird gegenüber den Personen in seiner Umwelt. Er stellt sie nicht bloß, sondern vermag sie im Rahmen seiner Selbsterkundung so einzubinden, dass ihre Würde und Integrität gewahrt bleiben, während sie doch zugleich immer wieder doch auch der ‚Grund‘ für die Verunsicherung zu sein scheinen. Eine ziemliche Zumutung muss das gewesen sein für Maleen, seine Frau und den gemeinsamen Sohn Robert, der 1964 geboren wurde. Aber sie blieben dem Projekt Brinkmann solidarisch verbunden… Diesen kleinen Sozialraum, repräsentiert durch die präzis beschriebene Wohnung in Köln, besetzt Brinkmann mit zwei weiteren Figuren aus dem Freundeskreis: Gerald, eine Art kleiner Köln-Casanova, und der homosexuelle Rainer, ein weltgewandt sich gebender Pendler zwischen London und Köln. Brinkmann führt sie ein, als könnten sie Zugang zu Zufluchtsmodellen verschaffen und es ist manchmal anrührend, zu lesen, wie die ‚Freundschaft‘ zwischen den dreien Orientierung bieten soll. Dabei ist doch längst entschieden, dass weder die frauensammelnde Variante Geralds, noch die Exklusivität des homosexuellen Rainers Auswege weisen. Eher zwingen sie zur neuen Konfrontation mit dem eigenen Leben – mit ihr und dem Kind. Mit den Figuren führt Brinkmann, was aus heutiger Sicht noch‘mal interessant ist, einen Teil ‚der Szene‘ Kölns in jener Zeit mit ein. Das vermittelt Zeitgeschichte, zum Beispiel wenn man in der Wohnung Platten von „The Fugs“ auflegt. Das war eine progressiv-politische US-Band um Ed Sanders und Tuli Kupferberg. Internet macht‘s möglich und man kann sich die Songs, die auf dem Plattenspieler in Brinkmanns Wohnung abgespielt wurden, anhören… und vermag vielleicht sich ein wenig einzufühlen in die Lebens- und Erfahrungswelten des Autors, der einen bis heute ungewöhnlichen und mutigen Roman verfasste. Ein Roman, der Brinkmanns bemerkenswerte Rolle während einer leider viel zu kurzen Zeit als Autor belegt.

Rolf Dieter Brinkmann: Keiner weiß mehr. Roman. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch, Neuausgabe Mai 2005). ISBN 978 3 499 23934 2.

Karl Marx – Bemerkungen

Wer sich aus Anlass seines 200jährigen Geburtstages mit Karl Marx beschäftigt mag sich zuweilen die Frage stellen, was man eigentlich tatsächlich braucht, um heute Karl Marx abseits eines wie auch immer gearteteten Spezialinteresses, sei es ein wissenschaftliches, ein politisches oder ein persönliches Interesse, zu verstehen‘ oder doch zumindest ihn so kennenzulernen, dass man in ihm auch den Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts aus Trier, ein Mensch mit Idealen, Bedürfnissen, Wünschen und Nöten wiedererkennt. Ein Mensch, der hinter der ikonographischen Überhöhung, die er über seinem Namen seit 200 Jahre erfährt, mit seinem Leben zu verschwinden droht.

Aber was heißt sein Leben? Denn da ist ja noch dieses große, alles überwältigende Wort „Marxismus“. Alles, was sich zu Recht oder zu Unrecht mit diesem Begriff verbindet, weist über das Einzelleben des Karl Marx hinaus. Es empört sich geradezu vor der Zumutung, diesem Namen ein ‚normales‘ Leben im 19. Jahrhundert zuordnen zu sollen. Dieses Leben beginnt am 5. Mai 1818 in Trier. Die Trierer sahen seitdem auf ihren berühmten Sohn mit zwiespältigen Gefühlen. Ja, er kam aus Trier, aber bitte, deshalb ist die Stadt doch nicht mitverantwortlich dafür zu machen, was in seinem Namen im 20. Jahrhundert alles geschah: Revolution, Kommunismus, Sowjetunion, Gulag, Kalter Krieg. Das Geburtshaus samt Museum blieb über Jahre bescheiden. Man empfand es eher als peinliche Pflicht, die Erinnerung zu wahren und überließ es vor 50 Jahren wohl gern der Friedrich-Ebert-Stiftung, die die Trägerschaft des Museum Karl-Marx-Haus (KMH) übernahm. Wie anders feierte man Karl Marx in den damaligen sozialistischen Ländern. Denkmäler, eins gewaltiger als das andere. So wie in einer eigens nach ihm benannten Stadt in dem kleinen Land mit Namen DDR, wo 1971 über 250.000 Menschen zusammengekommen waren, um der Einweihung einer über 13 Meter hohen (mit Sockel) und wohl vierzig Tonnen schweren Plastik seines ‚Antlitzes‘ beizuwohnen. Karl-Marx-Stadt statt Trier. Was für entgangene Möglichkeiten… Heute aber, zum 200. Geburtstag, endlich, darf sich die Volksrepublik China, letzte verbliebene Macht des sich auf Karl Marx beziehenden sozialistischen Imperiums, mit einem Geschenk revanchieren. In Bronze wird er gegossen nach dem Entwurf des Bildhauers Wu Weishan. 5,50 Meter hoch ragt die Heldenstatue, Karl Marx im bürgerlichen Gelehrtenrock, in der linken Hand ein Buch haltend, die Rechte angewinkelt nach vorne weisend den Schreitenden, dessen Blick erhaben in die Zukunft gerichtet ist: der weise Prophet, der Erbauer einer neuen Welt. Was für eine großartige Ironie der Geschichte…

Und eine Mahnung an die kleinkarierten Versäumnisse des Gedenkens im Geist des jahrzehntelangen Antikommunismus, die bis heute spürbar sind. Wie zum Beispiel in Köln, wo sich des Trierers gedenken ließe als ein Vorreiter des modernen politischen Journalismus, als Verteidiger der Pressefreiheit oder auch als jemand, der – völlig unideologisch – die Kooperation mit liberalen Bürgerkreisen einging, die ihn einstmals zur „Rheinischen Zeitung“ geholt hatten. Als ein politischer Kämpfer gegen obrigkeitsstaatliche Willkür, als ein Bürgerrechtler wäre er hervorzuheben. Aber man muss schon wissen, wo man in Köln nach Marxens Spuren suchen muss, um derartige Anlässe des Gedenkens zu finden. Sonst wüsste man gar nicht, dass er mal hier gewesen ist. Peinlich…

Karl Marx war ein Mensch des 19. Jahrhunderts. Politisch wurde er geprägt durch die überall in Europa missglückten Versuche, die Machtverhältnisse zu demokratisieren und mehr Gerechtigkeit für alle zu schaffen. Das meinte vor allem soziale Gerechtigkeit, denn der technische Fortschritt des 19. Jahrhunderts schuf völlig neue Formen der Ungerechtigkeit vor allem in der Arbeitswelt. Wie viele andere Zeitgenossen auch, sah Marx hier eine neue Herausforderung. Er stellte sich ihr, indem er begann, mit akribischer Konsequenz die Ursachen und Wirkungen der neuen Verhältnisse wissenschaftlich exakt zu beschreiben. Auch diese Analyse begann im Geist des 19. Jahrhunderts. Für Marx und viele seiner Kompagnons steht am Beginn Hegel. Zumeist ist davon in den Büchern über Marx dann auch zu lesen: viele Seiten erklären Entwicklung des Marx‘schen Werkes aus dem Geiste Hegels. Kaum anders, wie man es seit jeher macht: da ist ‚der‘ Hegel, Feuerbach, sind die Junghegelianer. Da kritisiert Feuerbach Hegel und entwickelt ihn weiter und Marx nutzt Feuerbach und entwickelt ihn weiter – und so weiter und so weiter. So erklärt sich der Fortgang aller Theorie ganz im Sinne der guten alten Aufklärung als Kritik an den irgendwie defizitären Vorgängermodellen. Und macht so die Denker und ihre Theorien zu Motoren der Fortentwicklung in ihrer Zeit. Was aber, wenn man es auch andersrum sehen würde? Die Zeit macht die Theorien möglich: zu kritisieren ist also nicht, was bei diesen Denker fehlte bis es der andere Denker hinzufügte. Schon deshalb nicht, weil es zum jeweiligen Zeitpunkt noch gar nicht verfügbar war. Wie das Soziale: Als eine Kategorie des Denkens wurde es erst relevant, als es sich aufdrängte und man das Soziale konkret ‚erfuhr‘. Nun freilich galt es, sie einzubeziehen ins Theoretische. Politisch bedeutet dies eine eher praxis- bzw. erfahrungsorientierte Theorie anstelle der idealistischen Theorie. Karl Marx, obwohl durch seine Studien immer wieder auf das Praktische verwiesen, blieb in dieser Hinsicht störrisch. Es fiel ihm schwer, veränderte politisch-soziale Verhältnissen als neue Rahmenbedingungen einer Gesellschaftsveränderung anzuerkennen. Zu einem Teil erklären sich so auch seine Probleme mit Lassalle und der aufkommenden deutschen Sozialdemokratie. Sie erkannten im preußisch-deutschen Staat politisch-strategische Handlungsoptionen, um diesen Staat zu verändern – etwa durch die Einführung eines allgemeinen Wahlrechts, das auch der Sache der Arbeiter zugute käme. Bestenfalls ein „königlich-preußischer Regierungssozialismus“ schimpfte Marx, in dieser Hinsicht über die deutschen Verhältnisse völlig einig mit Engels.

Idealistisch-programmatische Politik steht heute zur Debatte. Gegen eine linke oder rechte Programmatik als Leitlinie der Politik steht eine erfahrungsorientierte Politik, die sich vom Links-Rechts-Schema emanzipiert. Ist das beliebig? Mit Marx, bei dem in den 1860er Jahren angesichts der realen Macht einflussreicher Gewerkschaften im liberalen englischen politischen System auch eine „Sozialdemokratisierung der Sprache“ (Jones) festzustellen ist, müsste man dennoch warnen vor einem prinzipienlosen Relativismus. Warnen vor den Gefahren des Populismus. Richtig, aber ausreichend? Verlangt nicht das Primat des Politischen, was ja nichts anderes ist, als die Anerkennung des tatsächlichen Lebens und Erlebens ist, den Vorrang vor idealistischem Formalismus, wie er in allwissenden Parteiprogrammen statuiert ist?

An dieser Stelle ist ein weiterer interessanter Widerspruch zwischen Leben und Ideal auch im Leben des Karl Marx anzumerken. Der Zeitgenosse Marx lebte ein sehr bürgerliches Leben. Die Aussage wird ironischerweise dadurch bestätigt, dass dieses bürgerliche Leben als Ehemann, Vater und Familienmensch über lange Jahre völlig misslang. Anders als der Freund Engels, der den Widerspruch zwischen seiner Existenz als wohlhabender Fabrikantensohn und sozialistischem Ideal in einer legeren, zuweilen fast bohèmehaft anmutenden Form kultivierte, blieben Marx und seine bewunderungswürdige Frau Jenny im Bemühen stecken, überhaupt eine irgendwie sichere Existenz aufzubauen. Dass trotz der elenden Verhältnisse, in denen die Familie darbte und die sicher auch beitrugen zum Tod der Kinder, von denen nur die drei Töchter überlebten, dennoch immer die bourgeoise Fassade mit Dienstboten und großem Haushalt aufrecht erhalten wurde, macht Marx abermals zu einem Repräsentanten seiner Zeit. Die quälende Situation, deren tatsächliche Auswirkungen auf die Seelenbefindlichkeiten in der Marx-Familie nur zu erahnen sind, wurde ebenso prägend, wie sie niemals aufgearbeitet wurde. Als er schrieb, das Sein bestimmt das Bewusstsein, hätte er schreiben können, der Schein bestimmt das Bewusstsein. Bezeichnend für diese Situation ist ein Besuch Lassalles 1862 in London. Um ihn einigermaßen angemessen empfangen zu können, mussten im Marx‘schen Haushalt entwürdigende Anstrengungen zur Aufrechterhaltung des Scheins unternommen werden. Und das ausgerechnet für Lassalle, über den Marx sich zuweilen in gehässig-bösartiger, zudem mit antisemitisch motivierter Ablehnung äußerte. Andererseits war da auch eine Art „widerwilliger Bewunderung“ (Jones) und die betraf auch den wohlhabenden Lebensstil Lassalles. Mit neidvollem Grimm bemerkte Marx, wie leicht dieser das Geld auszugeben vermochte, das im Haushalt Marx überall fehlte. Statt es einem Freund, ihm, der es so sehr brauchte, zu leihen. Als Lassalle schließlich doch bereit ist, ihm Geld zu leihen, verlangte er zur Sicherheit eine Garantieerklärung für die Rückzahlung des geliehenen Geldes – von Engels! Was für eine Kränkung für Marx. Aber doch auch so typisch für die Abgründe, die sich hinter so vielen gutbürgerlich getarnten Verhältnissen auftun konnten. Jene Abgründe, die Jahre später Sigmund Freund zu erkunden begann…

Was aber auch diese Episode aus dem Marx‘schen Leben zeigt: es bleibt das immerwährende Verdienst Engels, seinen Freund zeitlebens finanziell unterstützt zu haben. Dabei ist doch auch diese „intellektuelle Freundschaft“ Ausdruck eines verklärten Machtverhältnisses, wie es so typisch für das 19. Jahrhundert war: Geld bestimmt die Welt. Hier die Rollenverteilung des wohlhabenden Mäzens auf der einen und des darbenden Künstlers, der in diesem Fall ein Philosoph ist, auf der anderen Seite. Dass ausgerechnet die Freundschaft zwischen Marx und Engels dann zum Modell einer romantisch idealisierten Symbiose zwischen Mäzen und Künstler beiträgt und als auf Sofakissenstickereien ikonisiertes Abbild zur gutbürgerlichen Behaglichkeit beiträgt, obwohl sie doch in Wahrheit nur der Verschleierung tatsächlicher Machtverhältnisse dient, mutet fast schon komisch an.

Aber in diesen Konstellationen eines bürgerlichen Lebens, das auch von Lebenslügen und Verdrängungsleistungen aufrecht erhalten wird, wird der Mensch Karl Marx als Zeitgenosse wieder sichtbar – eben als ein Mensch in seiner Zeit.

VIR – eine Fortbildung in der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW, Remscheid

VIR ist ein Fortbildungskonzept für Personen, die beruflich oder ehrenamtlich mit rechtsorientierten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen im Kontakt sind.

Die Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW in Remscheid veranstaltet vom 11.06 bis zum 13.06 2018 eine VIR-Fortbildung. Sie wird durchgeführt von Bünyamin Werker, Leiter des Fachbereichs Allgemeine Kulturpädagogik an der Akademie und mir. Mehr Infos hier.

Bob Dylan in Krefeld

Bob Dylan in Krefeld. Ob ihm jemand sagt, in welcher Stadt er sich gerade befindet? Während der Fahrt im schwarzen Tourbus mit österreichischem Kennzeichen, der nun hinter der Halle steht, von Leipzig kommend und am späten Abend dann auf dem Weg nach Bielefeld. Ihm erzählt, nun also komme man nach Krefeld, die Venue heiße immerhin „KönigPalast“, wo bis zu 5000 Leute ihn erwarten. Kein Palast für Könige – eine Eishockeyarena ist der KönigPalast. Der Sport hat Tradition in Krefeld. Bereits 1936 wurde der „Krefelder Eislauf-Verein 1936 e.V.“ (KEV) gegründet. Seit 1995 spielen sie als „Krefeld Pinguins“ in der höchsten deutschen Eishockeyliga, der DEL. 2003 zuletzt war man Deutscher Meister.

Krefeld, einstmals bewundernd die „Samt- und Seidenstadt“ genannt. Vom Hauptbahnhof aus kann man bequem mit dem Bus bis zur Arena vorfahren. Eine Fahrt durch die Stadt, die Erinnerungen weckt an ihre besseren Zeiten. Repräsentative Straßenanlagen, geprägt durch die im 19. Jahrhundert angelegten Wallstraßen, die als Nord-, West-, Süd-, und Ostwall ein Rechteck formen. Plätze und Häuserfassaden lassen bis heute eine klassizistische Gestaltungsidee erkennen. Im hellen Frühlingsonnenlicht erscheint alles ein wenig abgenutzt. Aber immerhin, die Stadt leistet sich sprudelnde Brunnen. Sie glitzern.

Exakt ausgerichtete Stuhlreihen in der Halle. Nummerierte Plätze. Der Künstler wünsche keine Fotoaufnahmen per Handy oder sonstwie, liest man auf Hinweisschildern. Später werden klobige Security-Leute durch die Reihen schreiten, bereit diejenigen, die fehlen sollten, zu ergreifen und aus der Halle zu begleiten. Eine diesbezügliche Drohung wurde jedenfalls in deutsch und englisch kundgetan… Mir gefällt der Sitzplatz. Ich kann konzentriert zuhören.

Ein tolles Konzert. Die Setlist umfasst 20 Stücke, die beiden Zugaben mitgezählt. Macht netto 1:50‘ Musik. Die Bühne, eine mit geschickten Lichteffekten erzeugte dezente Erinnerung an frühe Zeiten der Music-Perfomances, wie sie Robert Altmann in einer „Last Radio Show“ hätte in Szene setzen können. Eine Improvisation auf der akustischen Gitarre, das Licht geht an. Die Show beginnt. Kürzlich konnte man lesen, dass Bassist Tony Garnier seit 29 Jahren mit Bob Dylan spielt. Eine ziemliche Zeit und auch die anderen, Stu Kimball (g), Charlie Sexton (g), Donnie Herron (pedal steel u.a.) und der Drummer George Recile sind nicht erst seit gestern bei der Never Ending Tour dabei. Das macht aus dieser Combo eine äußerst verlässliche Einheit, die mühelos die immer neuen Anforderungen im Umgang mit dem gewaltigen Repertoire Dylans bewältigt. Dylan selbst spielt ‚nur‘ Piano. Lediglich zu den ins Programm wie zufällig eingestreut scheinenden Crooner-Songs, eine respektvolle Huldigung Frank Sinatras im Spätwerk Dylans, verlässt er seinen Platz und arrangiert sich in der Mitte der Bühne mit dem Mikrofonständer. „Melancholy Mood“ oder „Autumn Leaves“ sind kleine Perlen. Band und Sänger, die eben noch krachenden Rock darboten, erzeugen eine barbluesig anmutende Swingstimmung, in der Bob Dylans Stimme eine ebenso melodiefeste wie charismatische Mitte darstellt. Diese Stücke sind perfekt arrangiert. Alle Stücke sind perfekt arrangiert: krachend rockig, erdiger Blues, jazzige Eleganz oder mäandernde Balladen in unerwartet wechselnden Rhythmen – es ist beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit die sechs Companions auf der Bühne diese Vielfalt auf hohem Niveau gestalten. Bob Dylan hat inzwischen seinen Gesangsstil völlig verändert. Er nähert sich wieder den Melodien seiner Stücke. Hält sie durch, forciert sie zuweilen. In den neuen Arrangements solcher Stücke wie „Don‘t Think Twice“, „Highway 61 Revisited“ oder „Simple Twist of Fade“ ist dieser Gesang eine Referenz an die eigenen Ursprünge. Großartiger Höhepunkt dieser Kunst sind an diesem Abend die beiden Stücke „Tangled Up in Blue“ und „Desolation Row“. Schlichtweg schön! Die perfekten Arrangements erlauben dabei keine Improvisationen. Ein Makel? Nein, im Verlauf der Never-Ending-Tour ist der wie beiläufig vorgeführte Stilwechsel im ausgeklügelten Arrangement eine Station, eine weitere Form des musikalischen Ausdrucks – die mich übrigens in Power und Präsenz an die besten Konzerte mit „The Band“ erinnert. Und darum geht es ja: in der endlosen Erzählung über die Menschen und ihre Musik fügt der Singer- und Danceman dem Great American Songbook ein weiteres Kapitel aus seinem Fundus hinzu. Dieses über die Kunst und Kraft des perfekten Arrangements entstand in Krefeld. Am 19. April 2018.

Der Hauptmann

Angst: Steck sie in Uniformen. Nenn sie Hilfspolizisten. Und du wirst erleben, wie sie zum rasenden Mob werden. Sich anmaßen mit ihren Kleinhirnen, „Recht und Ordnung“ zu vollstrecken. Du wirst erleben, wie der Zufall entscheidet über Leben und Unversehrtheit oder Tod und Prügel, wenn gehässige Gier sich paart mit kaltherziger Brutalität im schäbigen Machtrausch. Wenn ein Brüllen durch die Straßen rollt, hinter sich zurücklassend die Stille des Todes. Geh zur Seite. Fall nicht auf. Rette dich. Der polnische Dichter und Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz beschrieb einmal diesen Zustand der absoluten Rechtslosigkeit, den die Polen während der deutschen Besatzung erlebten: „daß auf der Straße, die er so gut kennt, auf der Katzen schlafen und Kinder spielen, plötzlich ein Reiter mit einem Lasso auftauchen könnte, der die Passanten einfängt und abschleppt, um sie sofort zu töten oder an Haken aufzuhängen.“ (Der Westen vom Osten aus gesehen, 1959)

Dieser Reiter trägt Uniform. Und er steht bereit, jederzeit eine neue Uniform zu tragen. So wie er in der Vergangenheit immer wieder eine trug. In der Uniform der Reichswehr führte er nach dem Ersten Weltkrieg als Freicorpssoldat einen hasserfüllten Krieg gegen „die Roten“, mordete Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht; in der Uniform des Hilfspolizisten prügelte er zu Beginn der 1930er Jahre im Auftrag der Nazischergen, ließ seinen missgünstig-kleinkarierten, von Minderwertigkeitsgefühlen genährten Hass aus an denen, denen er im normalen Leben unterwürfig begegnete; in der Fantasieuniform einer Bürgerwehre terrorisierte er in Polen oder der Tschechoslowakei die Menschen zum ‚Schutz‘ der deutschen Minderheit, schon bevor die deutsche Wehrmacht das Land unterjochte und sein Unrecht legitimierte. Immer mordete er in der Uniform der Wehrmacht. So wie dieser falsche Hautpmann: in den letzten Kriegstagen wurde der Gefreite Willi Herold von seiner Einheit irgendwo im Nordwesten Deutschlands getrennt. Streunend findet er im Straßengraben einen verlassenen Wehrmachtswagen und darinnen die gepflegte Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Er zieht sie an. Unsicher, ein Spiel zunächst. Dann aber gefällt ihm die Uniform. Sie passt ihm. Andere versprengte Soldaten schließen sich ihm an. Unterstellen sich dem forschen Kommando dieses jungen Hauptmanns. Der gibt sich schneidig und befehlsgewaltig: Sonderauftrag des Führers. Ordnung schaffen hinter der Front. Wehrkraftzersetzung bekämpfen. Kampfmoral stärken. Durchgreifen. So kommt er mit seiner Bande in das Gefangenenlager II, das Emslandlager Aschendorfermoor bei Papenburg. Hier sitzen von Wehrmachtsgerichten verurteilte Soldaten und schuften im nahen Moor. Mit stillschweigender Zustimmung der Lagerleitung und der örtlichen Parteiautoritäten schafft der Hauptmann mit „Sondervollmacht des Führers“ im Lager ‚Ordnung‘: eigenhändig tötet er Gefangene, lässt sie von seinen Männern hinmetzeln. Fast 150 Menschen werden gemordet. Erst die Bomben eines Luftangriffs der Engländer beenden das wüste Mordspiel. Die Bande zieht weiter, tötet weiter bis sie sich im Chaos der letzten Kriegstage schließlich auflöst. Herold taucht unter, wird aber von den Engländern gefasst. Sie verurteilen ihn zum Tode. Ein Scharfrichter, schon den Nazis zu Diensten, vollstreckt das Urteil. Herold war 21 Jahre alt.

Der Film „Der Hauptmann“ von Robert Schwentke folgt der Geschichte des falschen Hauptmanns. In kalten schwarz-weiß Bildern erzählt der Film eine Tätergeschichte: wie jemand zum Täter wird, weil er es kann. Die Uniform verleiht ihm zusätzliche Autorität zum Töten und in einer Situation ohne zivilgesellschaftliche Strukturen kann nichts und niemand seiner mörderischen Willkür Grenzen setzen. So entsteht um den herumziehenden Hauptmann eine eigenständige, nur sich selbst erklärende Welt für die grausame Herrschsucht des Hauptmanns und seiner Männer. Weh dem, der hineingerät in diese Welt. Der Film entwickelt eine beunruhigende Wucht, indem er nüchtern feststellt: Es ist jederzeit möglich, dass der Reiter mit dem Lasso auftaucht… Am Ende des Films patrouilliert der uniformierte Haufen des Hauptmanns, der sich „Schnellgericht Herold“ nennt, durch eine heutige Stadt. Die Menschen schauen neugierig hin. Was sind das für crazy Typen? Sie halten an und fordern Passanten auf, die Papiere zu zeigen. Ein Spiel denkt mancher, was soll‘s. Ich muss zur Volksbank. Aber da sind sie immer noch. Und ist der Ton dieser Uniformträger nicht ein wenig rauh? Komm lass gut sein, es reicht jetzt. Und schon setzt es einen Faustschlag in den Rücken: „Ist was?“ Sie stellen dich in eine Reihe mit anderen. Immer noch ein Spiel? Sie sind aufgedreht, fuchteln mit Waffen herum. Echte Waffen. Brüllen. Abspann.

Der Hauptmann, (Deutschland/ Frankreich/ Polen 2017), R.: Robert Schwentke.

Baudelaire und Benjamin

Baudelaires „Fleurs du Mal“ fordern jede/n Übersetzer/in. Die ganz hohe Kunst. Walter Benjamin beschäftigte sich mit dem Gedichtzyklus, weil ihn nicht nur die poetische Qualität dieser Gedichte faszinierte, sondern sie ihm darüber hinaus als Material für seine kultur- und geschichtsphilosophischen Studien dienten, in denen das Paris des 19. Jahrhunderts eine herausragende Bedeutung hatte. So war der Band Tableaux Parisiens, als er 1923 erschien, für Benjamin von besonderer Bedeutung. Jetzt liegt er als Faksimilenachdruck vor, was mir einige Bemerkungen wert ist.

Baudelaire, Charles: Tableaux Parisiens. Übersetzt aus dem Französischen und mit einem Vorwort versehen von Walter Benjamin, Frankfurt a. M. (Stroemfeld Verlag) 2016.

Stefan Zweig: Die unsichtbare Sammlung

Ein schönes Buchgeschenk. Die Novelle Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig veröffentlicht der Golden Luft Verlag in Mainz als fadengeheftete englische Broschur. Ein würdiges Format für „eine Episode aus der deutschen Inflation“. Deutsche Inflation? Ja, die vergessenen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Die Wunden des Krieges allgegenwärtig. Die allgemeine Verunsicherung, die immer wieder mit Gewalt zum Ausdruck kommt, Krüppel auf den Straßen, der Hunger, die Armut, das Verdrängen – und die Profiteure, die kleinen und die großen. Ihr großer Auftritt kommt während der großen Inflation. In schockierend rasender Schnelligkeit verliert damals alles Geld seinen Wert. Die Preise steigen binnen Stundenfrist auf surreal anmutende Höhen. Was am Morgen noch mit dem Lohn in der Tüte zu kaufen war, wurde am Abend zum Luxusgut. Abstruse Beträge ergaben sich: ein Brot für Millionen Mark –- der kollektive Schock saß tief. Eine Verelendung nie gekannter Art. Und eine neue Erfahrung: Nichts ist sicher. Die Existenz fällt ins Bodenlose. Aber andere, die profitieren…

Und das alles konzentriert Zweig in dieser ungewöhnlichen Episode. Sie beginnt in einem Zugabteil. Ein Reisender stellt sich als bekannter Berliner Kunstantiquar vor. Nach allerlei Plauderei von gleichgültigen Dingen, beginnt er unvermittelt, diese sonderbare Geschichte zu erzählen. In ihrem Mittelpunkt steht ein Sammler alter Grafiken, den der Antiquar auf der Suche nach interessanten Funden, die sein in diesen Nachkriegsjahren danieder liegendes Geschäft beleben könnten, in der alten Kundenkartei findet. Bis 1914 hatte dieser Sammler über Jahrzehnte immer wieder ganz erlesene Stücke erworben. Zu erwarten war also, dass bei ihm eine qualitätsvolle Sammlung zu besichtigen war, aus der vielleicht einige Stücke zu entbehren wären. Er reist also „in eine der unmöglichen Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“ in der Hoffnung, den Sammler noch lebend anzutreffen und tatsächlich findet er ihn und sucht ihn auf. Der Greis ist blind, freut sich aber außerordentlich, einen Kenner aus Berlin hier in der Provinz begrüßen zu können und ihm seine Sammlung zu zeigen. Doch bevor es dazu kommt, instruieren den Besucher die beiden Frauen, Ehefrau und Tochter des Alten. Man bitte um Rücksichtsnahme und Verständnis. Aber die Sammlung gebe es längst nicht mehr. Mit Beginn des Krieges sei der Vater erblindet und habe die Blätter seiner Sammlung nicht mehr sehen, aber umso besser erspüren und ertasten können. So habe sie ihm weiterhin Freude bereitet. Bis dann der Krieg zu Ende war. Nach dem Krieg, von dessen Ausgang man dem Vater bislang nichts erzählt habe, reichte es für die drei zum Leben vorne und hinten nicht mehr. Zudem sei der Mann der Schwester im Krieg gefallen, die seitdem mit den vier kleinen Kindern versorgt werden müsse. Der Vater sah und merkte von diesen Dingen nichts, verließ sich auf seine solide Pension, die freilich in diesen Zeiten für nichts ausreichte. Man sparte. Umsonst. Bald begann man zu verkaufen. Erst Schmuck und Möbel, dann – die Sammlung. Blatt um Blatt ging für scheinbar gutes Geld weg, aber kaum war das Geld verfügbar, war es bereits nichts mehr wert. Dubiose Geschäftemacher nutzten die Notlage der Frauen aus bis am Ende nahezu die gesamte Sammlung verloren war. Ausverkauf. Nur die Mappen blieben und in die legten die Frauen leere Blätter. Wenn nun aber der Vater sich seiner Sammlung zuwende, wisse er die genaue Reihenfolge aller Mappen, haben ihren Inhalt genau vor seinem geistigen Auge und erfreue sich der Schönheit der Blätter, als lägen sie im Original vor ihm. Und so erlebt es dann der Besucher: der Alte ergreift die Mappen, öffnet sie, entnimmt „mit zärtlicher Vorsicht“ die Blätter, um sie dem Besucher zu zeigen. Fährt mit den Fingern über die leeren Seiten und schildert ebenso begeistert wie kennerhaft die Präzision des Strichs, beschreibt in diesem Abzug die Schärfe des Drucks, so dass sich jedes Detail klar zeigt – weitaus klarer als in anderen ihm bekannte Abzügen. „Es war grauenvoll und gleichzeitig rührend“ erzählt der Besucher, der inzwischen das Spiel mitspielt. „In all den Jahren des Krieges hatte ich nicht einen so vollkommenen, so reinen Ausdruck von Seligkeit auf einem deutschen Gesichte gesehen.“ Die Präsentation der Sammlung geht zu Ende. Müde, aber stolz und glücklich, schließt der Greis die Mappen und verabschiedet den Berliner Besucher. Ob der „reinen Begeisterung“ des Alten in „dumpfer, freudloser Zeit“ und angesichts dieser „auf die Kunst gewandten Ekstase“ wird ihm „ehrfürchtig zumut, obgleich ich mich noch immer schämte, ohne eigentlich zu wissen, warum“. Der Erzähler beendet seine Geschichte mit einem Zitat: „– ich glaube, Goethe hat es gesagt –: ‚Sammler sind glückliche Menschen‘“. Und so schließt auch Zweigs Text.

Vom Glück des Sammlers wusste Zweig. Er sammelte seit Kindheitszeiten schon Autografen. Als 1925 Die unsichtbare Sammlung erstmals erschien, galt seine Autografensammlung unter Zeitgenossen lange schon als rühmenswert. Jahre zuvor hatte Thomas Mann sich einmal erbeten, mit einem Textstück in die Sammlung aufgenommen werden zu dürfen. Seine „Liebhaberei“ verstand Zweig durchaus als einen Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Erbes seiner Zeit. Und er rechtfertigte sie auch gegenüber kritischen Zeitgenossen, die im stillen Betrachten der Autografen ein privatistisch-bourgeoises Vergnügen von Sonderlingen sahen. Von Wert nur für die, die es nötig hätten, sich durch solch elitäre „Weihestunden“ eine gewisse Größe zuzusprechen, wie boshaft einmal Elias Canetti mit Bezug auf Zweig spottete.

Die unsichtbare Sammlung ist im besten Sinne altmeisterlich. Und just darin liegt ihr überzeitlicher Wert. Der Schriftsteller Stefan Zweig erinnert vor dem zeitgeschichtlichen Geschehen jener Jahre in Deutschland an die Universalität der Kunst als ewiges Lebenselixier. Eben dieser kulturelle Mehrwert bewahrt sich in jeder Sammlung. Und er bewährt sich, wenn eine selbstvergessene Zeit in maßloser Profitgier Kunst zur Ware herab würdigt. Die unsichtbare Sammlung bleibt bestehen als Seelenstütze. Von niemandem zu stehlen oder gar zu zerstören. Auch in dieser Idealisierung der Kunst kommt ein altmeisterliches Ansinnen zum Ausdruck. Auch ein typisch deutsches, das aber nicht wie bei der Heroisierung der Meistersinger als dröhnend chauvinistisch-nationalistische Anmaßung zum Ausdruck kommt, sondern in der altmeisterlischen Form zur wehen melancholischen Mahnung vor neuen Barbaren wird. Und wie recht diese Mahnung war, erfuhr Zweig selbst nur wenige Jahre später. Die neuen Barbaren in Naziuniform verbrannten Bücher. Wie eine bittere Ironie mutet an, dass Zweig seit 1933 den ‚Wert‘ seiner Autografensammlung zumindest teilweise durch Verkäufe nutzbar machen konnte, bevor er sie als Exilant endgültig verlor. Eine tragische Erfahrung, die für ihn das Ende seiner „Welt von gestern“ bedeutete. In der Welt von heute war für ihn kein Leben mehr. „Die Politik ekelt mich überall,“ hatte er bereits 1932 dem verehrten Freund Romain Rolland, mit dem er übrigens oft im stillen Betrachten der Autografen beisammen war, geschrieben, „ich bin der Dummheit überdrüssig… überall sehe ich, daß der Bürokrat, die Bürokratie, die Methode über den Geist triumphiert. Der Individualismus erscheint überall als Feind, wir gehen zum Superlativ des ,Herdentriebs‘ über.“ Und der zertrampelte die idealen Werte der gestrigen Welt. Der Geist, die Kunst, das Wort vermögen nichts mehr in dieser Zeit, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“ So schrieb der des Lebens müde Stefan Zweig in einer letzten Declarado, bevor er mit seiner Frau Lotte Zweig am 23. Februar 1942 eine „giftige Substanz“ einnahm, die zum Tode führte. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Zweig, Stefan: Die unsichtbare Sammlung. Eine Episode aus der deutschen Inflation. Mit einem Nachwort von Thomas Schröder, Mainz (Golden Luft Verlag) 2017.