Boris Sawinkow: Das schwarze Pferd

Boris Sawinkow ist eine schillernde Gestalt im Umfeld der russischen Umwälzungen seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein Extremist aus heutiger Sicht: ein Terrorist, ein Attentäter, ein Revolutionär, ein Soldat der Weißen, ein Partisan, ein Mörder… 1924 wurde er durch einen Trick der Tschecka aus dem Exil in die SU gelockt (man bot ihm Kontakte mit einer Widerstandsgruppe an), verhaftet und zum Tode verurteilt. Er wird begnadigt. 1925 stürzt er aus dem Fenster seiner Zelle im Lubjanka-Gefängnis zu Tode. 1923 war der Roman „Das schwarze Pferd“ erschienen. Er handelt von drei Phasen des politisch-militärischen Kampfes Sawinkows gegen die Roten während des Bürgerkriegs. In tagebuchartigen, sehr knappen Eintragungen, die im November eines der Bürgerkriegsjahre beginnen und über den Sommer bis zum letzten Eintrag am 15. März des folgenden Jahres andauern, folgen wir zunächst dem Oberst der Weißen Armee auf dem Marsch nach Moskau, sodann dem Untergrundkämpfer der „Grünen“, den „Banditen“, und schließlich dem untergetauchten Attentäter in Moskau. Immer an seiner Seite Jegorow, ein bäuerlich-roher Typ, Symbol eines ursprünglich ‚heiligen‘ Russlands, für die alle zu kämpfen vorgeben. Er wie auch der andere an seiner Seite Fedja mit dem sprechenden Nachnamen Moschenkin (Moschenik: Gauner, Schlitzohr) stehen auch für einen anderen Aspekt des russischen Seins: eine erschreckend unmittelbare Grausamkeit und Brutalität. Sie hängen die Menschen, erschießen sie, ‚braten‘ sie – immer im Interesse ihres Kampfes gegen die „Höllenbiester“, wie Jegorow die Roten nannten. Der Dritte ist Wrede, ein ehemaliger Offizier des Zars, Repräsentant der Oberschicht. Alle drei werden in Moskau entdeckt. Wrede und Fedja werden hingerichtet, Jegorow sprengt sich in die Luft. Die Aufzeichnungen schildern alles das in denkbar knapper, sachlicher Art. Der Aufzeichnende, George, scheint abseits zu stehen. Die Hinrichtungen befiehlt er, der Kommandant, wie beiläufig mit einen Wort, einem Kopfnicken, Jegorow und Fedja erledigen die Sache. Er weiß, dass er Teil eines großen Schreckens ist. Immer näher rückt die Frage: für was? Sie treffen auf Rote, die mit den gleichen Mitteln agieren. Alles für Russland? Welches Russland? Welche Menschen? Er beneidet Jegorow für sein eindeutiges Feindbild. Fedja, der – wäre es anders gekommen – auch für die Roten… Die Zweifel kulminieren im Gespräch mit Olga der einstmals Geliebten in Moskau. Sie verkörpert ein idealisiertes Sehnsuchtsbild, ein russisch-weibliches Ideal, für das er zu kämpfen meint. Als er sie in Moskau wiederfindet, ist sie Kommunistin. Ihr Äußeres ist sachlich statt sinnlich. Was bedeutet die Revolution? Um welche Sache geht es? Und die Liebe? Unmöglich. Am Ende ist George alleine auf der Flucht aus Moskau. Sawinkow gelingt mit äußerst knappen notizenartigen Sätzen eine über die Chronik des Geschehens hinausweisende Einsicht in die inneren Kämpfe seines alter Egos George. Er erscheint als der der gerechten Sache verpflichtete Kämpfer. Einer Sache, die dem „russischen Volk“ verpflichtet ist. Und die anderen? Die Roten? Kämpfen für was? Worin besteht der Unterschied? In den Miniaturen zitiert Sawinkow immer wieder religiöse Bibelstellen, verweist auf das Heilige des Russischen, das sich als eine zunehmend vage Idealisierung herausstellt. Ein dostojewskischer Traum von Russland, den er selber freilich als brutaler Akteur des Bürgerkriegs mit jeder neuen grausamen Tat zerstört. Er wird durch diesen Zweifel nicht ‚bekehrt‘, wechselt nicht die Seiten, doch spürt er die Vergeblichkeit seines am Ende nur noch selbstbezüglichen Tuns. In einer Hinsicht ist dies mit dem der Roten in diesem Bürgerkrieg vergleichbar: der grausamen Brutalität gegen die Bevölkerung. In den Textminiaturen werden sie immer wieder erkennbar. Der Band liefert noch eine „schriftliche Aussage“ Sawinkows zu seiner Anklage sowie sein Schlusswort zum Prozess. Hier begründet er für sich auf eine sehr logisch-konsequente Weise das Ende seines Kampfes gegen die Roten. Dieser Kampf begann einstmals als revolutionäre Tat gegen das Zarregime und seine Repräsentanten im Einklang mit dem unterdrückten Volk. Diese Unterstützung ging dann aber nach der wirklichen Revolution 1917 zunehmend verloren. Und damit die Legitimation für seine Existenz als Offizier der Weißen, als Kämpfer Grünen, als Terrorist. Eine sachliche und nüchterne Kapitulation.

Boris Sawinkow (W. Ropschin): Das schwarze Pferd. Roman aus dem Russischen Bürgerkrieg. Aus dem Russischen übersetzt, kommentiert und mit ergänzendem Material versehen von Alexander Nitzberg. Verlag Galiani, Berlin 2017. ISBN 9783869711454.