Tiefer Schweb

Auf diese Inszenierung im Repertoire ist man hier spürbar stolz und wird sie auch entsprechend beklatschen. Ein echter Marthaler: „Tiefer Schweb“. Der Ausdruck bezeichnet die tiefste Stelle im Bodensee und dort, so lese ich vor Beginn des Ganzen im Programmheft haben Taucher in einer Zukunft eine Unterwasserbürowelt aus unseren heutigen Zeiten gefunden. Mit originalen Einrichtungsgegenständen, von denen das Programmheft gewissermaßen im Vorgriff auf einen Katalog einige bereits vorstellt. – ? – Die Aufführung beginnt dann – offensichtlich als Ausdruck gewisser Weltläufigkeit soll man verstehen, dass über der Bühne englische, nicht immer sauber übersetzte Untertitel laufen – mit einer Erzählstimme, die zu einer Schifffahrt auf dem Bodensee einlädt. Nur leider, über den tiefen Schweb könne man nicht fahren… Der Vorhang geht auf und wir befinden uns in der Druckluftkammer am Seegrund. Graue holzgetäfelte Wände, ein Kachelofen in der Ecke, zugleich Aus- und Einstiegskammer. An einem Tisch die Mitglieder einer Kommission, die über den Zustand an der Bodenseeoberfläche beraten sollen. Dort fordert die Situation von Geflüchteten, die in einer Art Schiffsstadt auf dem Wasser leben, Entscheidungen. Doch die findet die Kommission nicht, weil sie nicht miteinander kommunizieren können. Statt dessen singen sie Heimatlieder, zwängen sich in folkloristische Kostüme, müssen immer wieder Druckausgleich herstellen… Im guten Falle erinnert mich die Szenerie an Achternbusch-Skurilitäten. Nur hatten diese einen Erfahrungshintergrund, der auf dadaistische Lebensverzweiflung schließen ließ, die als bayrisch-exotische Variante geradezu existentialistische Bedeutung gewinnen konnte. Hier ist alles nur läppisch – und wenn die durchaus guten SchauspielerInnen unendlich viele Strophen eines Heimatliedes kunstvoll intonieren, kommt es nah heran an eine Zumutung. Vor allem, wenn dieses alles auf Politisches verweisen soll. Es ist das Gegenteil: es verweigert alles Politische. Schlimmer noch: mir alberner Läppischkeit wird das Politische verkannt. Und was ist nun mit den dramaturgischen Fäden, die das Programmheft andeutet und mit der Schifffahrt zu Beginn? Nichts. Ist doch egal. Schwachsinn.

Tiefer Schweb, R.: Christoph Marthaler, Kammer I, Kammerspiele München

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s