Lernprozesse

Im Februar 1943 kapitulierte die 6. Arme der deutschen Wehrmacht in Stalingrad. Einer der Überlebenden, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, war der Wehrmachtsoffizier Heinrich Gerlach. Er gehörte zu denen, die die militärische Niederlage in Stalingrad als zwangsläufige Folge der verbrecherischen Kriegspolitik der Nationalsozialisten erkannten. Ein schmerzvoller Lernprozess, zu dem auch die Einsicht gehörte, selbst lange Zeit dem Naziregime als Soldat gedient zu haben. In der Gefangenschaft hatte Gerlach einen Roman über Stalingrad zu schreiben begonnen. Das Manuskript ging verloren. Man weiß heute, dass die Sowjets es einbehielten. Aber Gerlach rekonstruierte den Roman, nachdem er 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Er erschien 1957 unter dem Titel Die verratene Armee. 2016 erschien die ursprüngliche Fassung dieses Romans Durchbruch bei Stalingrad. Die spannende Geschichte vom Verlust des Manuskripts, von der Rekonstruktion und der öffentlichen Wahrnehmung des außergewöhnlichen Romans machen ihn selbst zu einem Dokument der Zeitgeschichte. Über die Qualitäten des Romans sowie die Geschichte seiner Entstehung und Rezeption in Deutschland kann man hier mehr erfahren. In der Gefangenschaft gehörte Gerlach zu den Gründungsmitgliedern des im September 1943 gegründeten „Bundes Deutscher Offiziere“ – eine Organisation die kurze Zeit später im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ aufgehen sollte. Mit Unterstützung der Sowjets und in Kooperation mit deutschen Emigranten in der Sowjetunion hatten sich kriegsgefangene Soldaten und Offiziere zusammengeschlossen, um zur Niederlage des Naziregimes beizutragen. In Nazideutschland wurden sie deshalb als Verräter denunziert, ihre Familien wurden in Sippenhaft genommen. In der antikommunistischen Stimmung nach 1945 diffamierte man das Nationalkomitee als eine von Kommunisten gesteuerte Organisation, deren Mitglieder pauschal als willige Vollstrecker der kommunistischen Marschroute dargestellt wurden. Mit neuen Vorzeichen passte da auch der alte Nazivorwurf des Verrats. Gerade vor diesem Hintergrund ist Gerlachs Bericht über seine „Irrfahrt“ durch die Jahre der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion interessant. Denn in dem halbdokumentarischen Roman „Odyssee in Rot“ berichtet er von den intensiven Diskussionen, den Zweifeln, den Hoffnungen der kriegsgefangenen Soldaten. Natürlich misstrauten viele den Sowjets. Noch misstrauischer begegneten die Soldaten und Offiziere den Emigranten in der Sowjetunion. Viele von ihnen waren KPD-Mitglieder. Und die KPD gehörte zu den klassischen Feindbildern der Militärs. Aber trotzdem suchten sie nach Wegen, sich am Kampf gegen die Nazidiktatur zu beteiligen. Kompromisse waren nötig, auch wenn sie schwer fielen. Literarisch kommt Gerlachs Romanbericht nicht heran an seinen Stalingradroman. Trotzdem meine ich, dass es lohnend sein kann, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Warum? Dazu mehr hier.

Gerlach, Heinrich: Odyssee in Rot. Bericht einer Irrfahrt. Herausgegeben und mit einem Nachwort und dokumentarischem Material versehen von Carsten Gansel. Berlin 2017.