Die Zisterzienser – Das Europa der Klöster

Eine Ausstellung im LVR-Museum Bonn, bei der ich mich an einem vormittäglich-winterlichen Wochentag inmitten einer Schar eifrig interessierter BesucherInnen aus der Ü-60-Generation wiederfinde. Schon einmal, 1980, thematisierte der Landschaftsverband Rheinland in einer Ausstellung in Aachen den Zisterzienserorden: „Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit“ hieß es damals. Jetzt also „Das Europa der Klöster“. Ein wenig irreführend ist der Titel, denn sieht man einmal von der in der Ausstellung gezeigten Ausbreitung des Ordens in Europa seit der Gründung des Klosters in Citeaux 1098 ab, konzentriert sie sich doch alsbald sehr auf die Rolle und Bedeutung der mittelalterlichen Zisterzienser in deutschen Landen und hier besonders im Rheinland. Damals wie heute: die Zisterzienser als faszinierende Erscheinung des fernen Mittelalters! Mal eher bewundernd vorgeführt, wenn ihre Klöster als effektive, ‚moderne‘ Wirtschaftsunternehmen beschrieben werden, mal eher kritisch betrachtet, wenn ihr Größter, Bernhard von Clairvaux, als fundamentalistischer Hassprediger der Kreuzzüge gegen die Ungläubigen geschildert wird. Vor allem aber dient der Orden mit seinen Klöstern auch heute noch immer wieder als Klischee einesromantisierenden Mittelalterbildes, in dem die in Kreuzgängen ihrer Klöster wandelnden „grauen Mönche“ mit ihrem Opfermut und ihrer Askese als idealtypische Vorbilder des mittelalterlichen Mönchstumsdargestellt sind oder ihre Baumeister als „Pioniere der Gotik“ beschrieben werden – wobei doch der zisterzienserisch-architektonische Stil, wenn man ihn denn so nennen will, viel eindringlicher in ihren romanischen Bauten zum Ausdruck kommt. Die Bonner Ausstellung hinterfragt diese Erwartungen nicht weiter. Aber sie belegt mit einer Reihe exquisiter Ausstellungsstücke die wirkungsvolle Geschichte des Ordens hierzulande. Sie kann im Rheinland noch besichtigt werden: ein schöner Ausflug führt ins nahe Siebengebirge zur Klosterruine Heisterbach; die in der Ausstellung anschaulich rekonstruierte Baugeschichte des Klosters in Altenberg regt an zum Besuch der großartigen gotischen Kirche, die einzig vom ehemaligen Kloster erhalten ist. Andere Ausstellungsstücke verweisen auf das 1128 gegründete erste ‚deutsche‘ Zisterzienserkloster im niederrheinischen Kamp‘, wo das Kloster längst vergangen ist, aber die barocke Gartenanlage aus Klosterzeiten einen Besuch lohnt. Alles Zeugen derherausragenden kulturhistorischen Bedeutung der Zisterzienser im Rheinland. Doch dann setzten Reformation und Aufklärung dem Orden stark zu. Die Säkularisation als Folge der französischen Revolution erzwang Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur in Frankreich sondern auch im Rheinland die Aufhebung der meisten noch bestehenden Zisterzienserklöster. Erst die Restauration der politischen Verhältnisse im nachnapoleonischen Europa boten dem Orden im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Chance für ein Comeback mit dem Blick zurück in die große Vergangenheit des Ordens. Ein neues Mittelalter unter restaurierter Fürstenherrschaft in Europa? Doch Citeaux, wo sich einstmals der universalistische Anspruch des Ordens in Form der regelmäßigen Zusammenkunft der Abgesandten aller Klöster des Ordens verwirklichte, gab es nicht mehr. An seine Stelle rückten nun nationalstaatenorientierte Kongregationen, wie die 1888 gegründete ‚Mehrerauer Kongregation‘, in der sich Klöster aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz zusammen fanden. Und dann gab es aus den großen Zeiten des Ordens noch die verlassenen Klosterruinen. Sie wiederzubesiedeln war ehrgeiziges Ziel. So wie Himmerod in der Eifel: 1134 hatten Mönche aus Clairveaux den Konvent gegründet, dessen Standort im Salmtal der berühmte Bernard von Clairveaux dann höchstselbst bestimmte. 1802 lösten die Franzosen den Konvent auf, die Gebäude verfielen. 1919 aber kamen deutsche Trappisten aus dem bosnischen Kloster Mariastern und erwarben die Ruinen in Himmerod. Die Mönche schlossen sich den Zisterziensern in Marienstatt (Westerwald), das ebenfalls 1888 neu belebt worden war, an. Von hier aus wurde 1922 dann Himmerod neu gegründet wurde.Von all dem erzählt die Ausstellung nichts. Also auch nichts davon, dass im Herbst 2017 die Mehrerauer Kongregation, der die Abtei Himmerod angehörte(e), die endgültige Auflösung des Klosters entschied. Nach fast 900 Jahren! Es fehle an Nachwuchs ließ man verlauten. Oder war alles am Ende doch nur zu ‚teuer‘? Denn in den vergangenen Jahren war das Kloster nicht zuletzt infolge missglückter Beratungen durch allerlei ExpertInnen in wirtschaftliche Turbulenzen geraten. Doch mit der Unterstützung vieler Freunde und Förderer sowie dem großen Engagement von Helferinnen und Helfern schien es, als hätte das Kloster diese wirtschaftliche Krise überwinden können… Das sah die Kongregation wohl nicht so und beschloss das Ende. Lohnt nicht mehr! Übergab den Besitz dem Bischof von Trier. Auf dass er dafür sorge, dass Himmerod ein „spiritueller Ort“ bleibe… In Sachen Wirtschaftlichkeit, das lehrt die Bonner Ausstellung, war der Orden seit jeher schon auf ‚moderne‘ Weise effektiv. So ist denn auch Himmerod nunmehr ein weiterer musealer Erinnerungsort. Doch der Blick zurück auf des Ordens vergangene Größe lässt unbedacht, dass es ihn heute noch gibt. Die Mönche im Priorat Langwaden (Grevenbroich), oder in Bochum-Stiepel –neben Marienstatt, dem Priorat in Birnau (Baden-Württemberg) und Kloster Nothgottes (Hessen), wo seit 2013 Mönche der vietnamesischen „Abtei Unserer Lieben Frau Chau Son Don Duong“ leben, die einzigen deutschen Zisterzienserklöster, die bis auf Marienstatt in der Ausstellung keinerlei Erwähnung finden – haben sich in ihrer Art, das zisterzienserische Ideal zu leben vom Blick zurück emanzipiert. Keine falschen Erwartungen mehr an vergangene Größe. Keine museale Mittelalternachahmung. Und kein kunsthistorisch interessantergotischer Kirchenbau. Zisterzienser im Jahr 2018.

Nachtrag: die Mönche, die 1919 aus Bosnien nach Himmerod kamen, gehörten den „Zisterziensern der strengeren Observanz“ an. Trappisten nennt man den aus einer Reform der Zisterzienser entstandenen Orden gemeinhin. In Marienstatt wechselten sie zur milderen Observanz und wurden Gründer des Zisterzienserklosters in Himmerod. In Deutschland gab es ein Trappistenkloster, die Abteil Mariawald in der Eifel. Gab! Denn im Januar 2018 beschloss die vatikanische Zentralbehörde, die „Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens“ die Auflösung des Klosters. Auch hier wünsche man, den „spirituellen Ort“ zu erhalten. Aber das sei dann Sache der örtlichen Kirche, des Bistums Aachen.

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