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Bob Dylan in Krefeld

Bob Dylan in Krefeld. Ob ihm jemand sagt, in welcher Stadt er sich gerade befindet? Während der Fahrt im schwarzen Tourbus mit österreichischem Kennzeichen, der nun hinter der Halle steht, von Leipzig kommend und am späten Abend dann auf dem Weg nach Bielefeld. Ihm erzählt, nun also komme man nach Krefeld, die Venue heiße immerhin „KönigPalast“, wo bis zu 5000 Leute ihn erwarten. Kein Palast für Könige – eine Eishockeyarena ist der KönigPalast. Der Sport hat Tradition in Krefeld. Bereits 1936 wurde der „Krefelder Eislauf-Verein 1936 e.V.“ (KEV) gegründet. Seit 1995 spielen sie als „Krefeld Pinguins“ in der höchsten deutschen Eishockeyliga, der DEL. 2003 zuletzt war man Deutscher Meister.

Krefeld, einstmals bewundernd die „Samt- und Seidenstadt“ genannt. Vom Hauptbahnhof aus kann man bequem mit dem Bus bis zur Arena vorfahren. Eine Fahrt durch die Stadt, die Erinnerungen weckt an ihre besseren Zeiten. Repräsentative Straßenanlagen, geprägt durch die im 19. Jahrhundert angelegten Wallstraßen, die als Nord-, West-, Süd-, und Ostwall ein Rechteck formen. Plätze und Häuserfassaden lassen bis heute eine klassizistische Gestaltungsidee erkennen. Im hellen Frühlingsonnenlicht erscheint alles ein wenig abgenutzt. Aber immerhin, die Stadt leistet sich sprudelnde Brunnen. Sie glitzern.

Exakt ausgerichtete Stuhlreihen in der Halle. Nummerierte Plätze. Der Künstler wünsche keine Fotoaufnahmen per Handy oder sonstwie, liest man auf Hinweisschildern. Später werden klobige Security-Leute durch die Reihen schreiten, bereit diejenigen, die fehlen sollten, zu ergreifen und aus der Halle zu begleiten. Eine diesbezügliche Drohung wurde jedenfalls in deutsch und englisch kundgetan… Mir gefällt der Sitzplatz. Ich kann konzentriert zuhören.

Ein tolles Konzert. Die Setlist umfasst 20 Stücke, die beiden Zugaben mitgezählt. Macht netto 1:50‘ Musik. Die Bühne, eine mit geschickten Lichteffekten erzeugte dezente Erinnerung an frühe Zeiten der Music-Perfomances, wie sie Robert Altmann in einer „Last Radio Show“ hätte in Szene setzen können. Eine Improvisation auf der akustischen Gitarre, das Licht geht an. Die Show beginnt. Kürzlich konnte man lesen, dass Bassist Tony Garnier seit 29 Jahren mit Bob Dylan spielt. Eine ziemliche Zeit und auch die anderen, Stu Kimball (g), Charlie Sexton (g), Donnie Herron (pedal steel u.a.) und der Drummer George Recile sind nicht erst seit gestern bei der Never Ending Tour dabei. Das macht aus dieser Combo eine äußerst verlässliche Einheit, die mühelos die immer neuen Anforderungen im Umgang mit dem gewaltigen Repertoire Dylans bewältigt. Dylan selbst spielt ‚nur‘ Piano. Lediglich zu den ins Programm wie zufällig eingestreut scheinenden Crooner-Songs, eine respektvolle Huldigung Frank Sinatras im Spätwerk Dylans, verlässt er seinen Platz und arrangiert sich in der Mitte der Bühne mit dem Mikrofonständer. „Melancholy Mood“ oder „Autumn Leaves“ sind kleine Perlen. Band und Sänger, die eben noch krachenden Rock darboten, erzeugen eine barbluesig anmutende Swingstimmung, in der Bob Dylans Stimme eine ebenso melodiefeste wie charismatische Mitte darstellt. Diese Stücke sind perfekt arrangiert. Alle Stücke sind perfekt arrangiert: krachend rockig, erdiger Blues, jazzige Eleganz oder mäandernde Balladen in unerwartet wechselnden Rhythmen – es ist beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit die sechs Companions auf der Bühne diese Vielfalt auf hohem Niveau gestalten. Bob Dylan hat inzwischen seinen Gesangsstil völlig verändert. Er nähert sich wieder den Melodien seiner Stücke. Hält sie durch, forciert sie zuweilen. In den neuen Arrangements solcher Stücke wie „Don‘t Think Twice“, „Highway 61 Revisited“ oder „Simple Twist of Fade“ ist dieser Gesang eine Referenz an die eigenen Ursprünge. Großartiger Höhepunkt dieser Kunst sind an diesem Abend die beiden Stücke „Tangled Up in Blue“ und „Desolation Row“. Schlichtweg schön! Die perfekten Arrangements erlauben dabei keine Improvisationen. Ein Makel? Nein, im Verlauf der Never-Ending-Tour ist der wie beiläufig vorgeführte Stilwechsel im ausgeklügelten Arrangement eine Station, eine weitere Form des musikalischen Ausdrucks – die mich übrigens in Power und Präsenz an die besten Konzerte mit „The Band“ erinnert. Und darum geht es ja: in der endlosen Erzählung über die Menschen und ihre Musik fügt der Singer- und Danceman dem Great American Songbook ein weiteres Kapitel aus seinem Fundus hinzu. Dieses über die Kunst und Kraft des perfekten Arrangements entstand in Krefeld. Am 19. April 2018.

Der Hauptmann

Angst: Steck sie in Uniformen. Nenn sie Hilfspolizisten. Und du wirst erleben, wie sie zum rasenden Mob werden. Sich anmaßen mit ihren Kleinhirnen, „Recht und Ordnung“ zu vollstrecken. Du wirst erleben, wie der Zufall entscheidet über Leben und Unversehrtheit oder Tod und Prügel, wenn gehässige Gier sich paart mit kaltherziger Brutalität im schäbigen Machtrausch. Wenn ein Brüllen durch die Straßen rollt, hinter sich zurücklassend die Stille des Todes. Geh zur Seite. Fall nicht auf. Rette dich. Der polnische Dichter und Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz beschrieb einmal diesen Zustand der absoluten Rechtslosigkeit, den die Polen während der deutschen Besatzung erlebten: „daß auf der Straße, die er so gut kennt, auf der Katzen schlafen und Kinder spielen, plötzlich ein Reiter mit einem Lasso auftauchen könnte, der die Passanten einfängt und abschleppt, um sie sofort zu töten oder an Haken aufzuhängen.“ (Der Westen vom Osten aus gesehen, 1959)

Dieser Reiter trägt Uniform. Und er steht bereit, jederzeit eine neue Uniform zu tragen. So wie er in der Vergangenheit immer wieder eine trug. In der Uniform der Reichswehr führte er nach dem Ersten Weltkrieg als Freicorpssoldat einen hasserfüllten Krieg gegen „die Roten“, mordete Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht; in der Uniform des Hilfspolizisten prügelte er zu Beginn der 1930er Jahre im Auftrag der Nazischergen, ließ seinen missgünstig-kleinkarierten, von Minderwertigkeitsgefühlen genährten Hass aus an denen, denen er im normalen Leben unterwürfig begegnete; in der Fantasieuniform einer Bürgerwehre terrorisierte er in Polen oder der Tschechoslowakei die Menschen zum ‚Schutz‘ der deutschen Minderheit, schon bevor die deutsche Wehrmacht das Land unterjochte und sein Unrecht legitimierte. Immer mordete er in der Uniform der Wehrmacht. So wie dieser falsche Hautpmann: in den letzten Kriegstagen wurde der Gefreite Willi Herold von seiner Einheit irgendwo im Nordwesten Deutschlands getrennt. Streunend findet er im Straßengraben einen verlassenen Wehrmachtswagen und darinnen die gepflegte Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Er zieht sie an. Unsicher, ein Spiel zunächst. Dann aber gefällt ihm die Uniform. Sie passt ihm. Andere versprengte Soldaten schließen sich ihm an. Unterstellen sich dem forschen Kommando dieses jungen Hauptmanns. Der gibt sich schneidig und befehlsgewaltig: Sonderauftrag des Führers. Ordnung schaffen hinter der Front. Wehrkraftzersetzung bekämpfen. Kampfmoral stärken. Durchgreifen. So kommt er mit seiner Bande in das Gefangenenlager II, das Emslandlager Aschendorfermoor bei Papenburg. Hier sitzen von Wehrmachtsgerichten verurteilte Soldaten und schuften im nahen Moor. Mit stillschweigender Zustimmung der Lagerleitung und der örtlichen Parteiautoritäten schafft der Hauptmann mit „Sondervollmacht des Führers“ im Lager ‚Ordnung‘: eigenhändig tötet er Gefangene, lässt sie von seinen Männern hinmetzeln. Fast 150 Menschen werden gemordet. Erst die Bomben eines Luftangriffs der Engländer beenden das wüste Mordspiel. Die Bande zieht weiter, tötet weiter bis sie sich im Chaos der letzten Kriegstage schließlich auflöst. Herold taucht unter, wird aber von den Engländern gefasst. Sie verurteilen ihn zum Tode. Ein Scharfrichter, schon den Nazis zu Diensten, vollstreckt das Urteil. Herold war 21 Jahre alt.

Der Film „Der Hauptmann“ von Robert Schwentke folgt der Geschichte des falschen Hauptmanns. In kalten schwarz-weiß Bildern erzählt der Film eine Tätergeschichte: wie jemand zum Täter wird, weil er es kann. Die Uniform verleiht ihm zusätzliche Autorität zum Töten und in einer Situation ohne zivilgesellschaftliche Strukturen kann nichts und niemand seiner mörderischen Willkür Grenzen setzen. So entsteht um den herumziehenden Hauptmann eine eigenständige, nur sich selbst erklärende Welt für die grausame Herrschsucht des Hauptmanns und seiner Männer. Weh dem, der hineingerät in diese Welt. Der Film entwickelt eine beunruhigende Wucht, indem er nüchtern feststellt: Es ist jederzeit möglich, dass der Reiter mit dem Lasso auftaucht… Am Ende des Films patrouilliert der uniformierte Haufen des Hauptmanns, der sich „Schnellgericht Herold“ nennt, durch eine heutige Stadt. Die Menschen schauen neugierig hin. Was sind das für crazy Typen? Sie halten an und fordern Passanten auf, die Papiere zu zeigen. Ein Spiel denkt mancher, was soll‘s. Ich muss zur Volksbank. Aber da sind sie immer noch. Und ist der Ton dieser Uniformträger nicht ein wenig rauh? Komm lass gut sein, es reicht jetzt. Und schon setzt es einen Faustschlag in den Rücken: „Ist was?“ Sie stellen dich in eine Reihe mit anderen. Immer noch ein Spiel? Sie sind aufgedreht, fuchteln mit Waffen herum. Echte Waffen. Brüllen. Abspann.

Der Hauptmann, (Deutschland/ Frankreich/ Polen 2017), R.: Robert Schwentke.

Baudelaire und Benjamin

Baudelaires „Fleurs du Mal“ fordern jede/n Übersetzer/in. Die ganz hohe Kunst. Walter Benjamin beschäftigte sich mit dem Gedichtzyklus, weil ihn nicht nur die poetische Qualität dieser Gedichte faszinierte, sondern sie ihm darüber hinaus als Material für seine kultur- und geschichtsphilosophischen Studien dienten, in denen das Paris des 19. Jahrhunderts eine herausragende Bedeutung hatte. So war der Band Tableaux Parisiens, als er 1923 erschien, für Benjamin von besonderer Bedeutung. Jetzt liegt er als Faksimilenachdruck vor, was mir einige Bemerkungen wert ist.

Baudelaire, Charles: Tableaux Parisiens. Übersetzt aus dem Französischen und mit einem Vorwort versehen von Walter Benjamin, Frankfurt a. M. (Stroemfeld Verlag) 2016.

Stefan Zweig: Die unsichtbare Sammlung

Ein schönes Buchgeschenk. Die Novelle Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig veröffentlicht der Golden Luft Verlag in Mainz als fadengeheftete englische Broschur. Ein würdiges Format für „eine Episode aus der deutschen Inflation“. Deutsche Inflation? Ja, die vergessenen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Die Wunden des Krieges allgegenwärtig. Die allgemeine Verunsicherung, die immer wieder mit Gewalt zum Ausdruck kommt, Krüppel auf den Straßen, der Hunger, die Armut, das Verdrängen – und die Profiteure, die kleinen und die großen. Ihr großer Auftritt kommt während der großen Inflation. In schockierend rasender Schnelligkeit verliert damals alles Geld seinen Wert. Die Preise steigen binnen Stundenfrist auf surreal anmutende Höhen. Was am Morgen noch mit dem Lohn in der Tüte zu kaufen war, wurde am Abend zum Luxusgut. Abstruse Beträge ergaben sich: ein Brot für Millionen Mark –- der kollektive Schock saß tief. Eine Verelendung nie gekannter Art. Und eine neue Erfahrung: Nichts ist sicher. Die Existenz fällt ins Bodenlose. Aber andere, die profitieren…

Und das alles konzentriert Zweig in dieser ungewöhnlichen Episode. Sie beginnt in einem Zugabteil. Ein Reisender stellt sich als bekannter Berliner Kunstantiquar vor. Nach allerlei Plauderei von gleichgültigen Dingen, beginnt er unvermittelt, diese sonderbare Geschichte zu erzählen. In ihrem Mittelpunkt steht ein Sammler alter Grafiken, den der Antiquar auf der Suche nach interessanten Funden, die sein in diesen Nachkriegsjahren danieder liegendes Geschäft beleben könnten, in der alten Kundenkartei findet. Bis 1914 hatte dieser Sammler über Jahrzehnte immer wieder ganz erlesene Stücke erworben. Zu erwarten war also, dass bei ihm eine qualitätsvolle Sammlung zu besichtigen war, aus der vielleicht einige Stücke zu entbehren wären. Er reist also „in eine der unmöglichen Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“ in der Hoffnung, den Sammler noch lebend anzutreffen und tatsächlich findet er ihn und sucht ihn auf. Der Greis ist blind, freut sich aber außerordentlich, einen Kenner aus Berlin hier in der Provinz begrüßen zu können und ihm seine Sammlung zu zeigen. Doch bevor es dazu kommt, instruieren den Besucher die beiden Frauen, Ehefrau und Tochter des Alten. Man bitte um Rücksichtsnahme und Verständnis. Aber die Sammlung gebe es längst nicht mehr. Mit Beginn des Krieges sei der Vater erblindet und habe die Blätter seiner Sammlung nicht mehr sehen, aber umso besser erspüren und ertasten können. So habe sie ihm weiterhin Freude bereitet. Bis dann der Krieg zu Ende war. Nach dem Krieg, von dessen Ausgang man dem Vater bislang nichts erzählt habe, reichte es für die drei zum Leben vorne und hinten nicht mehr. Zudem sei der Mann der Schwester im Krieg gefallen, die seitdem mit den vier kleinen Kindern versorgt werden müsse. Der Vater sah und merkte von diesen Dingen nichts, verließ sich auf seine solide Pension, die freilich in diesen Zeiten für nichts ausreichte. Man sparte. Umsonst. Bald begann man zu verkaufen. Erst Schmuck und Möbel, dann – die Sammlung. Blatt um Blatt ging für scheinbar gutes Geld weg, aber kaum war das Geld verfügbar, war es bereits nichts mehr wert. Dubiose Geschäftemacher nutzten die Notlage der Frauen aus bis am Ende nahezu die gesamte Sammlung verloren war. Ausverkauf. Nur die Mappen blieben und in die legten die Frauen leere Blätter. Wenn nun aber der Vater sich seiner Sammlung zuwende, wisse er die genaue Reihenfolge aller Mappen, haben ihren Inhalt genau vor seinem geistigen Auge und erfreue sich der Schönheit der Blätter, als lägen sie im Original vor ihm. Und so erlebt es dann der Besucher: der Alte ergreift die Mappen, öffnet sie, entnimmt „mit zärtlicher Vorsicht“ die Blätter, um sie dem Besucher zu zeigen. Fährt mit den Fingern über die leeren Seiten und schildert ebenso begeistert wie kennerhaft die Präzision des Strichs, beschreibt in diesem Abzug die Schärfe des Drucks, so dass sich jedes Detail klar zeigt – weitaus klarer als in anderen ihm bekannte Abzügen. „Es war grauenvoll und gleichzeitig rührend“ erzählt der Besucher, der inzwischen das Spiel mitspielt. „In all den Jahren des Krieges hatte ich nicht einen so vollkommenen, so reinen Ausdruck von Seligkeit auf einem deutschen Gesichte gesehen.“ Die Präsentation der Sammlung geht zu Ende. Müde, aber stolz und glücklich, schließt der Greis die Mappen und verabschiedet den Berliner Besucher. Ob der „reinen Begeisterung“ des Alten in „dumpfer, freudloser Zeit“ und angesichts dieser „auf die Kunst gewandten Ekstase“ wird ihm „ehrfürchtig zumut, obgleich ich mich noch immer schämte, ohne eigentlich zu wissen, warum“. Der Erzähler beendet seine Geschichte mit einem Zitat: „– ich glaube, Goethe hat es gesagt –: ‚Sammler sind glückliche Menschen‘“. Und so schließt auch Zweigs Text.

Vom Glück des Sammlers wusste Zweig. Er sammelte seit Kindheitszeiten schon Autografen. Als 1925 Die unsichtbare Sammlung erstmals erschien, galt seine Autografensammlung unter Zeitgenossen lange schon als rühmenswert. Jahre zuvor hatte Thomas Mann sich einmal erbeten, mit einem Textstück in die Sammlung aufgenommen werden zu dürfen. Seine „Liebhaberei“ verstand Zweig durchaus als einen Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Erbes seiner Zeit. Und er rechtfertigte sie auch gegenüber kritischen Zeitgenossen, die im stillen Betrachten der Autografen ein privatistisch-bourgeoises Vergnügen von Sonderlingen sahen. Von Wert nur für die, die es nötig hätten, sich durch solch elitäre „Weihestunden“ eine gewisse Größe zuzusprechen, wie boshaft einmal Elias Canetti mit Bezug auf Zweig spottete.

Die unsichtbare Sammlung ist im besten Sinne altmeisterlich. Und just darin liegt ihr überzeitlicher Wert. Der Schriftsteller Stefan Zweig erinnert vor dem zeitgeschichtlichen Geschehen jener Jahre in Deutschland an die Universalität der Kunst als ewiges Lebenselixier. Eben dieser kulturelle Mehrwert bewahrt sich in jeder Sammlung. Und er bewährt sich, wenn eine selbstvergessene Zeit in maßloser Profitgier Kunst zur Ware herab würdigt. Die unsichtbare Sammlung bleibt bestehen als Seelenstütze. Von niemandem zu stehlen oder gar zu zerstören. Auch in dieser Idealisierung der Kunst kommt ein altmeisterliches Ansinnen zum Ausdruck. Auch ein typisch deutsches, das aber nicht wie bei der Heroisierung der Meistersinger als dröhnend chauvinistisch-nationalistische Anmaßung zum Ausdruck kommt, sondern in der altmeisterlischen Form zur wehen melancholischen Mahnung vor neuen Barbaren wird. Und wie recht diese Mahnung war, erfuhr Zweig selbst nur wenige Jahre später. Die neuen Barbaren in Naziuniform verbrannten Bücher. Wie eine bittere Ironie mutet an, dass Zweig seit 1933 den ‚Wert‘ seiner Autografensammlung zumindest teilweise durch Verkäufe nutzbar machen konnte, bevor er sie als Exilant endgültig verlor. Eine tragische Erfahrung, die für ihn das Ende seiner „Welt von gestern“ bedeutete. In der Welt von heute war für ihn kein Leben mehr. „Die Politik ekelt mich überall,“ hatte er bereits 1932 dem verehrten Freund Romain Rolland, mit dem er übrigens oft im stillen Betrachten der Autografen beisammen war, geschrieben, „ich bin der Dummheit überdrüssig… überall sehe ich, daß der Bürokrat, die Bürokratie, die Methode über den Geist triumphiert. Der Individualismus erscheint überall als Feind, wir gehen zum Superlativ des ,Herdentriebs‘ über.“ Und der zertrampelte die idealen Werte der gestrigen Welt. Der Geist, die Kunst, das Wort vermögen nichts mehr in dieser Zeit, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“ So schrieb der des Lebens müde Stefan Zweig in einer letzten Declarado, bevor er mit seiner Frau Lotte Zweig am 23. Februar 1942 eine „giftige Substanz“ einnahm, die zum Tode führte. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Zweig, Stefan: Die unsichtbare Sammlung. Eine Episode aus der deutschen Inflation. Mit einem Nachwort von Thomas Schröder, Mainz (Golden Luft Verlag) 2017.

no deals!

Der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten versteht nichts von Politik und meint, viel vom Geschäftlichen zu verstehen: also macht er Politik zum Geschäft und fortan ist gute Politik ein guter „deal“! Politik im Maßstab der Geschäftstätigkeit. Ärgerlich ist, dass inzwischen auch hierzulande JournalistInnen und PolitikerInnen den Deal als Bewertungsmaßstab für politisches Handeln heranziehen. Also wird auch die erfreuliche Entlassung des Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft auf die Qualität des Deals hin geprüft. Was hat der deutsche Außenminister der Türkei ‚gezahlt‘? Könnte er vielleicht zu viel gezahlt haben? Oder ist die Entlassung des Journalisten ein guter Deal, weil der Handel ‚preisgünstig‘ war? Diese Art Politikbetrachtung ist fahrlässig und dumm! Nebenbei fördert sie Politikverdrossenheit. Denn wozu braucht es Politik, die ebenso unkritisch wie selbstverständlich das Primat des Wirtschaftlichen akzeptiert und politisches Handeln mit geschäftlichem Handeln gleichsetzt? Aber schlimmer noch ist, dass so die bewährten Dimensionen politischen Handelns geschwächt und abgewertet werden: Kompromiss und Diplomatie. Natürlich ist das ein ständiges Geben und Nehmen – als Ausdruck politischer Verantwortung. Klug ist es, zu erkennen, dass Politisches Handeln unter dem Primat des Politischen keine Deals kennt, weil sie die Handlungsmächtigkeit der Politik behindern und einschränken. Lernbedarf!

Lernprozesse

Im Februar 1943 kapitulierte die 6. Arme der deutschen Wehrmacht in Stalingrad. Einer der Überlebenden, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, war der Wehrmachtsoffizier Heinrich Gerlach. Er gehörte zu denen, die die militärische Niederlage in Stalingrad als zwangsläufige Folge der verbrecherischen Kriegspolitik der Nationalsozialisten erkannten. Ein schmerzvoller Lernprozess, zu dem auch die Einsicht gehörte, selbst lange Zeit dem Naziregime als Soldat gedient zu haben. In der Gefangenschaft hatte Gerlach einen Roman über Stalingrad zu schreiben begonnen. Das Manuskript ging verloren. Man weiß heute, dass die Sowjets es einbehielten. Aber Gerlach rekonstruierte den Roman, nachdem er 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Er erschien 1957 unter dem Titel Die verratene Armee. 2016 erschien die ursprüngliche Fassung dieses Romans Durchbruch bei Stalingrad. Die spannende Geschichte vom Verlust des Manuskripts, von der Rekonstruktion und der öffentlichen Wahrnehmung des außergewöhnlichen Romans machen ihn selbst zu einem Dokument der Zeitgeschichte. Über die Qualitäten des Romans sowie die Geschichte seiner Entstehung und Rezeption in Deutschland kann man hier mehr erfahren. In der Gefangenschaft gehörte Gerlach zu den Gründungsmitgliedern des im September 1943 gegründeten „Bundes Deutscher Offiziere“ – eine Organisation die kurze Zeit später im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ aufgehen sollte. Mit Unterstützung der Sowjets und in Kooperation mit deutschen Emigranten in der Sowjetunion hatten sich kriegsgefangene Soldaten und Offiziere zusammengeschlossen, um zur Niederlage des Naziregimes beizutragen. In Nazideutschland wurden sie deshalb als Verräter denunziert, ihre Familien wurden in Sippenhaft genommen. In der antikommunistischen Stimmung nach 1945 diffamierte man das Nationalkomitee als eine von Kommunisten gesteuerte Organisation, deren Mitglieder pauschal als willige Vollstrecker der kommunistischen Marschroute dargestellt wurden. Mit neuen Vorzeichen passte da auch der alte Nazivorwurf des Verrats. Gerade vor diesem Hintergrund ist Gerlachs Bericht über seine „Irrfahrt“ durch die Jahre der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion interessant. Denn in dem halbdokumentarischen Roman „Odyssee in Rot“ berichtet er von den intensiven Diskussionen, den Zweifeln, den Hoffnungen der kriegsgefangenen Soldaten. Natürlich misstrauten viele den Sowjets. Noch misstrauischer begegneten die Soldaten und Offiziere den Emigranten in der Sowjetunion. Viele von ihnen waren KPD-Mitglieder. Und die KPD gehörte zu den klassischen Feindbildern der Militärs. Aber trotzdem suchten sie nach Wegen, sich am Kampf gegen die Nazidiktatur zu beteiligen. Kompromisse waren nötig, auch wenn sie schwer fielen. Literarisch kommt Gerlachs Romanbericht nicht heran an seinen Stalingradroman. Trotzdem meine ich, dass es lohnend sein kann, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Warum? Dazu mehr hier.

Gerlach, Heinrich: Odyssee in Rot. Bericht einer Irrfahrt. Herausgegeben und mit einem Nachwort und dokumentarischem Material versehen von Carsten Gansel. Berlin 2017.

Rot

Rot ist die Farbe der Revolution! Rot ist die Farbe der SPD. Rot ist die Farbe der Arbeiterbewegung. Rot ist der Kommunismus? Rot war jedenfalls die Flagge der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“. Gerd Koenen hat sich in „Die Farbe Rot“ mit den „Ursprüngen und der Geschichte des Kommunismus“ beschäftigt – nicht eben bescheiden, Respekt deshalb vor 1000 Seiten, die viel Informatives bieten. Sehr viel Geschichte. Bisschen weniger davon, dafür etwas mehr Zuspitzung hätte mir gefallen… Warum? Das kann man hier nachlesen.

Koenen, Gerd: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017.