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Stefan Zweig: Die unsichtbare Sammlung

Ein schönes Buchgeschenk. Die Novelle Die unsichtbare Sammlung von Stefan Zweig veröffentlicht der Golden Luft Verlag in Mainz als fadengeheftete englische Broschur. Ein würdiges Format für „eine Episode aus der deutschen Inflation“. Deutsche Inflation? Ja, die vergessenen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Die Wunden des Krieges allgegenwärtig. Die allgemeine Verunsicherung, die immer wieder mit Gewalt zum Ausdruck kommt, Krüppel auf den Straßen, der Hunger, die Armut, das Verdrängen – und die Profiteure, die kleinen und die großen. Ihr großer Auftritt kommt während der großen Inflation. In schockierend rasender Schnelligkeit verliert damals alles Geld seinen Wert. Die Preise steigen binnen Stundenfrist auf surreal anmutende Höhen. Was am Morgen noch mit dem Lohn in der Tüte zu kaufen war, wurde am Abend zum Luxusgut. Abstruse Beträge ergaben sich: ein Brot für Millionen Mark –- der kollektive Schock saß tief. Eine Verelendung nie gekannter Art. Und eine neue Erfahrung: Nichts ist sicher. Die Existenz fällt ins Bodenlose. Aber andere, die profitieren…

Und das alles konzentriert Zweig in dieser ungewöhnlichen Episode. Sie beginnt in einem Zugabteil. Ein Reisender stellt sich als bekannter Berliner Kunstantiquar vor. Nach allerlei Plauderei von gleichgültigen Dingen, beginnt er unvermittelt, diese sonderbare Geschichte zu erzählen. In ihrem Mittelpunkt steht ein Sammler alter Grafiken, den der Antiquar auf der Suche nach interessanten Funden, die sein in diesen Nachkriegsjahren danieder liegendes Geschäft beleben könnten, in der alten Kundenkartei findet. Bis 1914 hatte dieser Sammler über Jahrzehnte immer wieder ganz erlesene Stücke erworben. Zu erwarten war also, dass bei ihm eine qualitätsvolle Sammlung zu besichtigen war, aus der vielleicht einige Stücke zu entbehren wären. Er reist also „in eine der unmöglichen Provinzstädte, die es in Sachsen gibt“ in der Hoffnung, den Sammler noch lebend anzutreffen und tatsächlich findet er ihn und sucht ihn auf. Der Greis ist blind, freut sich aber außerordentlich, einen Kenner aus Berlin hier in der Provinz begrüßen zu können und ihm seine Sammlung zu zeigen. Doch bevor es dazu kommt, instruieren den Besucher die beiden Frauen, Ehefrau und Tochter des Alten. Man bitte um Rücksichtsnahme und Verständnis. Aber die Sammlung gebe es längst nicht mehr. Mit Beginn des Krieges sei der Vater erblindet und habe die Blätter seiner Sammlung nicht mehr sehen, aber umso besser erspüren und ertasten können. So habe sie ihm weiterhin Freude bereitet. Bis dann der Krieg zu Ende war. Nach dem Krieg, von dessen Ausgang man dem Vater bislang nichts erzählt habe, reichte es für die drei zum Leben vorne und hinten nicht mehr. Zudem sei der Mann der Schwester im Krieg gefallen, die seitdem mit den vier kleinen Kindern versorgt werden müsse. Der Vater sah und merkte von diesen Dingen nichts, verließ sich auf seine solide Pension, die freilich in diesen Zeiten für nichts ausreichte. Man sparte. Umsonst. Bald begann man zu verkaufen. Erst Schmuck und Möbel, dann – die Sammlung. Blatt um Blatt ging für scheinbar gutes Geld weg, aber kaum war das Geld verfügbar, war es bereits nichts mehr wert. Dubiose Geschäftemacher nutzten die Notlage der Frauen aus bis am Ende nahezu die gesamte Sammlung verloren war. Ausverkauf. Nur die Mappen blieben und in die legten die Frauen leere Blätter. Wenn nun aber der Vater sich seiner Sammlung zuwende, wisse er die genaue Reihenfolge aller Mappen, haben ihren Inhalt genau vor seinem geistigen Auge und erfreue sich der Schönheit der Blätter, als lägen sie im Original vor ihm. Und so erlebt es dann der Besucher: der Alte ergreift die Mappen, öffnet sie, entnimmt „mit zärtlicher Vorsicht“ die Blätter, um sie dem Besucher zu zeigen. Fährt mit den Fingern über die leeren Seiten und schildert ebenso begeistert wie kennerhaft die Präzision des Strichs, beschreibt in diesem Abzug die Schärfe des Drucks, so dass sich jedes Detail klar zeigt – weitaus klarer als in anderen ihm bekannte Abzügen. „Es war grauenvoll und gleichzeitig rührend“ erzählt der Besucher, der inzwischen das Spiel mitspielt. „In all den Jahren des Krieges hatte ich nicht einen so vollkommenen, so reinen Ausdruck von Seligkeit auf einem deutschen Gesichte gesehen.“ Die Präsentation der Sammlung geht zu Ende. Müde, aber stolz und glücklich, schließt der Greis die Mappen und verabschiedet den Berliner Besucher. Ob der „reinen Begeisterung“ des Alten in „dumpfer, freudloser Zeit“ und angesichts dieser „auf die Kunst gewandten Ekstase“ wird ihm „ehrfürchtig zumut, obgleich ich mich noch immer schämte, ohne eigentlich zu wissen, warum“. Der Erzähler beendet seine Geschichte mit einem Zitat: „– ich glaube, Goethe hat es gesagt –: ‚Sammler sind glückliche Menschen‘“. Und so schließt auch Zweigs Text.

Vom Glück des Sammlers wusste Zweig. Er sammelte seit Kindheitszeiten schon Autografen. Als 1925 Die unsichtbare Sammlung erstmals erschien, galt seine Autografensammlung unter Zeitgenossen lange schon als rühmenswert. Jahre zuvor hatte Thomas Mann sich einmal erbeten, mit einem Textstück in die Sammlung aufgenommen werden zu dürfen. Seine „Liebhaberei“ verstand Zweig durchaus als einen Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Erbes seiner Zeit. Und er rechtfertigte sie auch gegenüber kritischen Zeitgenossen, die im stillen Betrachten der Autografen ein privatistisch-bourgeoises Vergnügen von Sonderlingen sahen. Von Wert nur für die, die es nötig hätten, sich durch solch elitäre „Weihestunden“ eine gewisse Größe zuzusprechen, wie boshaft einmal Elias Canetti mit Bezug auf Zweig spottete.

Die unsichtbare Sammlung ist im besten Sinne altmeisterlich. Und just darin liegt ihr überzeitlicher Wert. Der Schriftsteller Stefan Zweig erinnert vor dem zeitgeschichtlichen Geschehen jener Jahre in Deutschland an die Universalität der Kunst als ewiges Lebenselixier. Eben dieser kulturelle Mehrwert bewahrt sich in jeder Sammlung. Und er bewährt sich, wenn eine selbstvergessene Zeit in maßloser Profitgier Kunst zur Ware herab würdigt. Die unsichtbare Sammlung bleibt bestehen als Seelenstütze. Von niemandem zu stehlen oder gar zu zerstören. Auch in dieser Idealisierung der Kunst kommt ein altmeisterliches Ansinnen zum Ausdruck. Auch ein typisch deutsches, das aber nicht wie bei der Heroisierung der Meistersinger als dröhnend chauvinistisch-nationalistische Anmaßung zum Ausdruck kommt, sondern in der altmeisterlischen Form zur wehen melancholischen Mahnung vor neuen Barbaren wird. Und wie recht diese Mahnung war, erfuhr Zweig selbst nur wenige Jahre später. Die neuen Barbaren in Naziuniform verbrannten Bücher. Wie eine bittere Ironie mutet an, dass Zweig seit 1933 den ‚Wert‘ seiner Autografensammlung zumindest teilweise durch Verkäufe nutzbar machen konnte, bevor er sie als Exilant endgültig verlor. Eine tragische Erfahrung, die für ihn das Ende seiner „Welt von gestern“ bedeutete. In der Welt von heute war für ihn kein Leben mehr. „Die Politik ekelt mich überall,“ hatte er bereits 1932 dem verehrten Freund Romain Rolland, mit dem er übrigens oft im stillen Betrachten der Autografen beisammen war, geschrieben, „ich bin der Dummheit überdrüssig… überall sehe ich, daß der Bürokrat, die Bürokratie, die Methode über den Geist triumphiert. Der Individualismus erscheint überall als Feind, wir gehen zum Superlativ des ,Herdentriebs‘ über.“ Und der zertrampelte die idealen Werte der gestrigen Welt. Der Geist, die Kunst, das Wort vermögen nichts mehr in dieser Zeit, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.“ So schrieb der des Lebens müde Stefan Zweig in einer letzten Declarado, bevor er mit seiner Frau Lotte Zweig am 23. Februar 1942 eine „giftige Substanz“ einnahm, die zum Tode führte. „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“

Zweig, Stefan: Die unsichtbare Sammlung. Eine Episode aus der deutschen Inflation. Mit einem Nachwort von Thomas Schröder, Mainz (Golden Luft Verlag) 2017.

no deals!

Der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten versteht nichts von Politik und meint, viel vom Geschäftlichen zu verstehen: also macht er Politik zum Geschäft und fortan ist gute Politik ein guter „deal“! Politik im Maßstab der Geschäftstätigkeit. Ärgerlich ist, dass inzwischen auch hierzulande JournalistInnen und PolitikerInnen den Deal als Bewertungsmaßstab für politisches Handeln heranziehen. Also wird auch die erfreuliche Entlassung des Journalisten Deniz Yücel aus türkischer Haft auf die Qualität des Deals hin geprüft. Was hat der deutsche Außenminister der Türkei ‚gezahlt‘? Könnte er vielleicht zu viel gezahlt haben? Oder ist die Entlassung des Journalisten ein guter Deal, weil der Handel ‚preisgünstig‘ war? Diese Art Politikbetrachtung ist fahrlässig und dumm! Nebenbei fördert sie Politikverdrossenheit. Denn wozu braucht es Politik, die ebenso unkritisch wie selbstverständlich das Primat des Wirtschaftlichen akzeptiert und politisches Handeln mit geschäftlichem Handeln gleichsetzt? Aber schlimmer noch ist, dass so die bewährten Dimensionen politischen Handelns geschwächt und abgewertet werden: Kompromiss und Diplomatie. Natürlich ist das ein ständiges Geben und Nehmen – als Ausdruck politischer Verantwortung. Klug ist es, zu erkennen, dass Politisches Handeln unter dem Primat des Politischen keine Deals kennt, weil sie die Handlungsmächtigkeit der Politik behindern und einschränken. Lernbedarf!

Lernprozesse

Im Februar 1943 kapitulierte die 6. Arme der deutschen Wehrmacht in Stalingrad. Einer der Überlebenden, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, war der Wehrmachtsoffizier Heinrich Gerlach. Er gehörte zu denen, die die militärische Niederlage in Stalingrad als zwangsläufige Folge der verbrecherischen Kriegspolitik der Nationalsozialisten erkannten. Ein schmerzvoller Lernprozess, zu dem auch die Einsicht gehörte, selbst lange Zeit dem Naziregime als Soldat gedient zu haben. In der Gefangenschaft hatte Gerlach einen Roman über Stalingrad zu schreiben begonnen. Das Manuskript ging verloren. Man weiß heute, dass die Sowjets es einbehielten. Aber Gerlach rekonstruierte den Roman, nachdem er 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Er erschien 1957 unter dem Titel Die verratene Armee. 2016 erschien die ursprüngliche Fassung dieses Romans Durchbruch bei Stalingrad. Die spannende Geschichte vom Verlust des Manuskripts, von der Rekonstruktion und der öffentlichen Wahrnehmung des außergewöhnlichen Romans machen ihn selbst zu einem Dokument der Zeitgeschichte. Über die Qualitäten des Romans sowie die Geschichte seiner Entstehung und Rezeption in Deutschland kann man hier mehr erfahren. In der Gefangenschaft gehörte Gerlach zu den Gründungsmitgliedern des im September 1943 gegründeten „Bundes Deutscher Offiziere“ – eine Organisation die kurze Zeit später im „Nationalkomitee Freies Deutschland“ aufgehen sollte. Mit Unterstützung der Sowjets und in Kooperation mit deutschen Emigranten in der Sowjetunion hatten sich kriegsgefangene Soldaten und Offiziere zusammengeschlossen, um zur Niederlage des Naziregimes beizutragen. In Nazideutschland wurden sie deshalb als Verräter denunziert, ihre Familien wurden in Sippenhaft genommen. In der antikommunistischen Stimmung nach 1945 diffamierte man das Nationalkomitee als eine von Kommunisten gesteuerte Organisation, deren Mitglieder pauschal als willige Vollstrecker der kommunistischen Marschroute dargestellt wurden. Mit neuen Vorzeichen passte da auch der alte Nazivorwurf des Verrats. Gerade vor diesem Hintergrund ist Gerlachs Bericht über seine „Irrfahrt“ durch die Jahre der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion interessant. Denn in dem halbdokumentarischen Roman „Odyssee in Rot“ berichtet er von den intensiven Diskussionen, den Zweifeln, den Hoffnungen der kriegsgefangenen Soldaten. Natürlich misstrauten viele den Sowjets. Noch misstrauischer begegneten die Soldaten und Offiziere den Emigranten in der Sowjetunion. Viele von ihnen waren KPD-Mitglieder. Und die KPD gehörte zu den klassischen Feindbildern der Militärs. Aber trotzdem suchten sie nach Wegen, sich am Kampf gegen die Nazidiktatur zu beteiligen. Kompromisse waren nötig, auch wenn sie schwer fielen. Literarisch kommt Gerlachs Romanbericht nicht heran an seinen Stalingradroman. Trotzdem meine ich, dass es lohnend sein kann, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Warum? Dazu mehr hier.

Gerlach, Heinrich: Odyssee in Rot. Bericht einer Irrfahrt. Herausgegeben und mit einem Nachwort und dokumentarischem Material versehen von Carsten Gansel. Berlin 2017.

Rot

Rot ist die Farbe der Revolution! Rot ist die Farbe der SPD. Rot ist die Farbe der Arbeiterbewegung. Rot ist der Kommunismus? Rot war jedenfalls die Flagge der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“. Gerd Koenen hat sich in „Die Farbe Rot“ mit den „Ursprüngen und der Geschichte des Kommunismus“ beschäftigt – nicht eben bescheiden, Respekt deshalb vor 1000 Seiten, die viel Informatives bieten. Sehr viel Geschichte. Bisschen weniger davon, dafür etwas mehr Zuspitzung hätte mir gefallen… Warum? Das kann man hier nachlesen.

Koenen, Gerd: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017.

Richard III

Das ist mal ein Theaterabend! Jan Bosse inszeniert „Richard III“ im Frankfurter Schauspielhaus. Der komplette Raum ist Spielfläche. Ein bisschen Globe-Theatre im Schauspielhaus. Von allen Seiten schaut das Publikum auf den mittig aufgebauten Sandhaufen, in und auf dem die Morde und Intrigen ablaufen. Immer wieder agieren Statisten mit, die unerwartet im Zuschauerraum sich bemerkbar machen, und die Schauspieler durcheilen den Zuschauerraum zum Spiel hier und dort. Von Beginn an ist Wolfram Koch das Ereignis. Er betritt „Jetzt“ ausrufend von der Seite das Spiel im viel zu zu großen Anzug. Unförmig, kastenförmig, den Buckel verbergend, eine Ungestalt, aber ehrgeizig. Ein spektakulärer Einstieg, als er kopfüber in den Sandhaufen springt und dort einen Moment verharrt. Big-Trump in action. Denn dies ist ein durchlaufendes Motiv: wir sehen, wie Macht und Amt zum Objekt kleinkarierter Deals werden. Da braucht‘s keine angestrengten Aktualisierungen, die Assoziationen kommen frei Haus, durch‘s pure Theater immer wieder angeregt. Als der Dealmaker schließlich König ist, tritt er in einem fantastischen Glitzeranzug an, die Bilder könnten einem Infotainment-Sender entnommen sein: die Siegergesten, die Huldigungen. Grelle Lichtreflexe produziert der Glitzeranzug und gibt der Szenerie dadurch einen Mehrwert. Ohne Worte, Bilder, Theater pur. Ästhetik und Sprache des Theaters werden ohne Umwege zum Erlebnis, aus dem sich Erkenntnis speist. Die Entschlossenheit, mit der Koch den zielstrebigen Richard spielt, ist beunruhigend. Aber Richard ist in dieser Inszenierung nur einer unter vielen. Seine Morde bereiten den Weg, der ihn zum König werden lässt, weil er sie in zielstrebiger Konsequenz umsetzt. Gerade darin sind die anderen ihm unterlegen. Hätten sie diese Eigenschaft, wären sie genauso wie er. Aus dieser Perspektive ist nicht Richard III das ‚Problem‘, sondern ein ganzes System, das ihm konsequenterweise zuarbeitet. Und so kann dieser Richard ebenso umtriebig wie anbiedernd seine Deals machen – er mordet, wie es ihm passt. Gelungen die Szene, wie der würdige Bürgermeister sich noch angeekelt windet, als ihm Buckingham den neuen König ankündigt. Will man wirklich mit diesem? Aber ja doch. Es geht ja nicht anders. Natürlich, die falsche Intrige des Mordbuben, dem soeben Lord Hastings zum Opfer fiel, goutiert man nicht, aber… und schon ist es zu spät. Alle passen sich ins System. Auch die großartig nicht nur mit ihrer Stimme präsente Mechthild Großmann als Herzogin von York, Mutter des Mannes, der den Bruder mordete, die Enkelkinder nicht verschonte zugunsten seiner Sache. Trauer oder Stolz? Erst auf dem Schlachtfeld dann geht alles unter. Der einfache aber eindrucksvolle Soundtreck schwillt an, Unmengen von Nebel steigen auf, im Chaos erhebt sich Richard III und spricht seinen Monolog. Der verzweifelte Ruf nach dem Pferd, „Ein Königreich für ein Pferd“, geht unter, als er in einem gläsernen Kasten, wie sein Vorgänger im Sand versinkt. Mit ihm das ganze Land. Tolles Theater!

Richard III, R.: Jan Bosse, Schauspielhaus, Schauspiel Frankfurt

Mehr Streit!

Nur gelegentlich wagt jemand verlegen anzumerken, dass doch der vergangene SPD-Parteitag, indem er für oder gegen eine Beteiligung der SPD an einer neuen Regierung stritt, eine hohe „Debattenkultur“ bewiesen habe. Debattenkultur? Hat sich jemand überhaupt mal die Mühe gemacht, die Argumente des Streits, die Form ihrer Diskussion wahrzunehmen? Schnell aber wird bewertet: ein knappes Ergebnis ist ein schlechtes Ergebnis, weil es eine „Spaltung“ der Partei ausweise. Der Parteivorsitzende ist führungsschwach, weil er kein eindeutiges Ergebnis herstellen kann. Ist das so? Oder ist er nicht gerade führungsstark, weil er den streitbaren Diskurs fördert? Unsere MedienkommentatorInnen urteilen schnell. Ein wenig Muße für politische Bildung täte gut. Und man könnte sich erinnern: es braucht zuweilen Mut und Haltung, strittige Diskurse zu führen. Aber wir brauchen diese Diskurse. Sie machen die Demokratie lebendig!

Die Zisterzienser – Das Europa der Klöster

Eine Ausstellung im LVR-Museum Bonn, bei der ich mich an einem vormittäglich-winterlichen Wochentag inmitten einer Schar eifrig interessierter BesucherInnen aus der Ü-60-Generation wiederfinde. Schon einmal, 1980, thematisierte der Landschaftsverband Rheinland in einer Ausstellung in Aachen den Zisterzienserorden: „Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit“ hieß es damals. Jetzt also „Das Europa der Klöster“. Ein wenig irreführend ist der Titel, denn sieht man einmal von der in der Ausstellung gezeigten Ausbreitung des Ordens in Europa seit der Gründung des Klosters in Citeaux 1098 ab, konzentriert sie sich doch alsbald sehr auf die Rolle und Bedeutung der mittelalterlichen Zisterzienser in deutschen Landen und hier besonders im Rheinland. Damals wie heute: die Zisterzienser als faszinierende Erscheinung des fernen Mittelalters! Mal eher bewundernd vorgeführt, wenn ihre Klöster als effektive, ‚moderne‘ Wirtschaftsunternehmen beschrieben werden, mal eher kritisch betrachtet, wenn ihr Größter, Bernhard von Clairvaux, als fundamentalistischer Hassprediger der Kreuzzüge gegen die Ungläubigen geschildert wird. Vor allem aber dient der Orden mit seinen Klöstern auch heute noch immer wieder als Klischee einesromantisierenden Mittelalterbildes, in dem die in Kreuzgängen ihrer Klöster wandelnden „grauen Mönche“ mit ihrem Opfermut und ihrer Askese als idealtypische Vorbilder des mittelalterlichen Mönchstumsdargestellt sind oder ihre Baumeister als „Pioniere der Gotik“ beschrieben werden – wobei doch der zisterzienserisch-architektonische Stil, wenn man ihn denn so nennen will, viel eindringlicher in ihren romanischen Bauten zum Ausdruck kommt. Die Bonner Ausstellung hinterfragt diese Erwartungen nicht weiter. Aber sie belegt mit einer Reihe exquisiter Ausstellungsstücke die wirkungsvolle Geschichte des Ordens hierzulande. Sie kann im Rheinland noch besichtigt werden: ein schöner Ausflug führt ins nahe Siebengebirge zur Klosterruine Heisterbach; die in der Ausstellung anschaulich rekonstruierte Baugeschichte des Klosters in Altenberg regt an zum Besuch der großartigen gotischen Kirche, die einzig vom ehemaligen Kloster erhalten ist. Andere Ausstellungsstücke verweisen auf das 1128 gegründete erste ‚deutsche‘ Zisterzienserkloster im niederrheinischen Kamp‘, wo das Kloster längst vergangen ist, aber die barocke Gartenanlage aus Klosterzeiten einen Besuch lohnt. Alles Zeugen derherausragenden kulturhistorischen Bedeutung der Zisterzienser im Rheinland. Doch dann setzten Reformation und Aufklärung dem Orden stark zu. Die Säkularisation als Folge der französischen Revolution erzwang Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur in Frankreich sondern auch im Rheinland die Aufhebung der meisten noch bestehenden Zisterzienserklöster. Erst die Restauration der politischen Verhältnisse im nachnapoleonischen Europa boten dem Orden im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Chance für ein Comeback mit dem Blick zurück in die große Vergangenheit des Ordens. Ein neues Mittelalter unter restaurierter Fürstenherrschaft in Europa? Doch Citeaux, wo sich einstmals der universalistische Anspruch des Ordens in Form der regelmäßigen Zusammenkunft der Abgesandten aller Klöster des Ordens verwirklichte, gab es nicht mehr. An seine Stelle rückten nun nationalstaatenorientierte Kongregationen, wie die 1888 gegründete ‚Mehrerauer Kongregation‘, in der sich Klöster aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz zusammen fanden. Und dann gab es aus den großen Zeiten des Ordens noch die verlassenen Klosterruinen. Sie wiederzubesiedeln war ehrgeiziges Ziel. So wie Himmerod in der Eifel: 1134 hatten Mönche aus Clairveaux den Konvent gegründet, dessen Standort im Salmtal der berühmte Bernard von Clairveaux dann höchstselbst bestimmte. 1802 lösten die Franzosen den Konvent auf, die Gebäude verfielen. 1919 aber kamen deutsche Trappisten aus dem bosnischen Kloster Mariastern und erwarben die Ruinen in Himmerod. Die Mönche schlossen sich den Zisterziensern in Marienstatt (Westerwald), das ebenfalls 1888 neu belebt worden war, an. Von hier aus wurde 1922 dann Himmerod neu gegründet wurde.Von all dem erzählt die Ausstellung nichts. Also auch nichts davon, dass im Herbst 2017 die Mehrerauer Kongregation, der die Abtei Himmerod angehörte(e), die endgültige Auflösung des Klosters entschied. Nach fast 900 Jahren! Es fehle an Nachwuchs ließ man verlauten. Oder war alles am Ende doch nur zu ‚teuer‘? Denn in den vergangenen Jahren war das Kloster nicht zuletzt infolge missglückter Beratungen durch allerlei ExpertInnen in wirtschaftliche Turbulenzen geraten. Doch mit der Unterstützung vieler Freunde und Förderer sowie dem großen Engagement von Helferinnen und Helfern schien es, als hätte das Kloster diese wirtschaftliche Krise überwinden können… Das sah die Kongregation wohl nicht so und beschloss das Ende. Lohnt nicht mehr! Übergab den Besitz dem Bischof von Trier. Auf dass er dafür sorge, dass Himmerod ein „spiritueller Ort“ bleibe… In Sachen Wirtschaftlichkeit, das lehrt die Bonner Ausstellung, war der Orden seit jeher schon auf ‚moderne‘ Weise effektiv. So ist denn auch Himmerod nunmehr ein weiterer musealer Erinnerungsort. Doch der Blick zurück auf des Ordens vergangene Größe lässt unbedacht, dass es ihn heute noch gibt. Die Mönche im Priorat Langwaden (Grevenbroich), oder in Bochum-Stiepel –neben Marienstatt, dem Priorat in Birnau (Baden-Württemberg) und Kloster Nothgottes (Hessen), wo seit 2013 Mönche der vietnamesischen „Abtei Unserer Lieben Frau Chau Son Don Duong“ leben, die einzigen deutschen Zisterzienserklöster, die bis auf Marienstatt in der Ausstellung keinerlei Erwähnung finden – haben sich in ihrer Art, das zisterzienserische Ideal zu leben vom Blick zurück emanzipiert. Keine falschen Erwartungen mehr an vergangene Größe. Keine museale Mittelalternachahmung. Und kein kunsthistorisch interessantergotischer Kirchenbau. Zisterzienser im Jahr 2018.

Nachtrag: die Mönche, die 1919 aus Bosnien nach Himmerod kamen, gehörten den „Zisterziensern der strengeren Observanz“ an. Trappisten nennt man den aus einer Reform der Zisterzienser entstandenen Orden gemeinhin. In Marienstatt wechselten sie zur milderen Observanz und wurden Gründer des Zisterzienserklosters in Himmerod. In Deutschland gab es ein Trappistenkloster, die Abteil Mariawald in der Eifel. Gab! Denn im Januar 2018 beschloss die vatikanische Zentralbehörde, die „Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens“ die Auflösung des Klosters. Auch hier wünsche man, den „spirituellen Ort“ zu erhalten. Aber das sei dann Sache der örtlichen Kirche, des Bistums Aachen.

Augenblick

In der Sekunde des stürzenden Erschreckens riss er in einer verzweifelt-ruckartigen aber endgültig bestimmten Bewegung den Körper zum Licht hin. Er sah das Licht und es leuchtete grün. Ja! dachte er, als noch im gleichen Moment der schwere dunkle Wagen ihn erfasste und ein Kind entsetzlich schrie.

Tiefer Schweb

Auf diese Inszenierung im Repertoire ist man hier spürbar stolz und wird sie auch entsprechend beklatschen. Ein echter Marthaler: „Tiefer Schweb“. Der Ausdruck bezeichnet die tiefste Stelle im Bodensee und dort, so lese ich vor Beginn des Ganzen im Programmheft haben Taucher in einer Zukunft eine Unterwasserbürowelt aus unseren heutigen Zeiten gefunden. Mit originalen Einrichtungsgegenständen, von denen das Programmheft gewissermaßen im Vorgriff auf einen Katalog einige bereits vorstellt. – ? – Die Aufführung beginnt dann – offensichtlich als Ausdruck gewisser Weltläufigkeit soll man verstehen, dass über der Bühne englische, nicht immer sauber übersetzte Untertitel laufen – mit einer Erzählstimme, die zu einer Schifffahrt auf dem Bodensee einlädt. Nur leider, über den tiefen Schweb könne man nicht fahren… Der Vorhang geht auf und wir befinden uns in der Druckluftkammer am Seegrund. Graue holzgetäfelte Wände, ein Kachelofen in der Ecke, zugleich Aus- und Einstiegskammer. An einem Tisch die Mitglieder einer Kommission, die über den Zustand an der Bodenseeoberfläche beraten sollen. Dort fordert die Situation von Geflüchteten, die in einer Art Schiffsstadt auf dem Wasser leben, Entscheidungen. Doch die findet die Kommission nicht, weil sie nicht miteinander kommunizieren können. Statt dessen singen sie Heimatlieder, zwängen sich in folkloristische Kostüme, müssen immer wieder Druckausgleich herstellen… Im guten Falle erinnert mich die Szenerie an Achternbusch-Skurilitäten. Nur hatten diese einen Erfahrungshintergrund, der auf dadaistische Lebensverzweiflung schließen ließ, die als bayrisch-exotische Variante geradezu existentialistische Bedeutung gewinnen konnte. Hier ist alles nur läppisch – und wenn die durchaus guten SchauspielerInnen unendlich viele Strophen eines Heimatliedes kunstvoll intonieren, kommt es nah heran an eine Zumutung. Vor allem, wenn dieses alles auf Politisches verweisen soll. Es ist das Gegenteil: es verweigert alles Politische. Schlimmer noch: mir alberner Läppischkeit wird das Politische verkannt. Und was ist nun mit den dramaturgischen Fäden, die das Programmheft andeutet und mit der Schifffahrt zu Beginn? Nichts. Ist doch egal. Schwachsinn.

Tiefer Schweb, R.: Christoph Marthaler, Kammer I, Kammerspiele München